(Dies ist die Hintergrundgeschichte zu einem Hobbit-Charakter im MMORPG "Der Herr der Ringe: Online")
Seit sehr langer Zeit schon, noch vor der Schlacht von Grünfeld, gibt es in Dachsbauten eine kleine Familie, die ihren Lebensunterhalt mit dem Bewirten von Reisenden, Gästen, Grenzern, Landbütteln und (zur Zeit der Schlacht) auch Kämpfern bestreitet. Besonders beliebt und weit bekannt sind die großartigen Marmeladenbrote, die sie in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen anbieten und die immer mit genau der richtigen Menge an Marmelade beschmiert sind.
Ein paar Schafe und ein kleiner Hof gehören der Familie, unter dessen Dach auch, seit man sich erinnern kann, Sommer für Sommer ein paar Finken nisten, denen sie (zusammen mit der Kunst des Brote-schmierens) ihren Familiennamen "Schmierfink" zu verdanken haben. Der jüngste Sproß der Familie ist Mokey, die vor nicht allzulanger Zeit den Landbütteln beigetreten ist.
Mokey's Großvater, Adebard Schmierfink, war seinerzeit schon Landbüttel im Bezirk Dachsbauten und wusste seiner Enkeltochter die wildesten und spannendsten Geschichten zu erzählen. Es faszinierte sie Abend für Abend, wenn er von der Jagd nach Schafsdieben oder dem Lösen des Rätsels eines gefundenen Hufeisens berichtete, oder davon, wie er fast von einem verirrten Wolf gebissen wurde, so sehr, dass sie beschloß, seiner Laufbahn nachzueifern. Schon im jungen Alter spielte sie am liebsten 'Landbüttel und Schafsdieb' oder 'Fang den Kuchenräuber' und löste knifflige Rätselgeschichten ihres Großvaters. Und wenn sie das gerade nicht tat, kebbelte sie sich liebend gern mit den anderen Kindern.
Als sie etwas über 25 Sommer jung war, verstarb ihr Großvater. Es war ein harter Schicksalsschlag für die junge Hobbit, wenngleich nicht überraschend, schließlich war Adebard Schmierfink schon sehr, sehr alt, so alt, dass niemand mehr sagen konnte, wie alt genau. Damit hatten auch die Geschichten aus dem Leben eines Landbüttels ihr jähes Ende gefunden und Mokey widmete sich ganz der Ausbildung durch ihre Eltern (und in ihrer Freizeit dem Kebbeln, aus dem zwischen ihnen und ihren Freunden eine Art Kampfsport mit Stöcken und Brettern geworden war), immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, irgendwann in Not geratenen Hobbits zu helfen und die mannigfaltigen Rätsel des Nichtalltäglichen zu lösen. Ihre Eltern nämlich, zwei ehrbare und hart arbeitende gewöhnliche Leute, konnten ihre Hilfe auf dem kleinen Feld hinter'm Haus und in der Küche gut gebrauchen und ihr so die Kunst des Lesens (von Rezepten), des Pflanzenzüchtens und, viel wichtiger, des perfekten Broteschmierens und Teekochens beibringen.
Es dauerte nicht lange, dass sich das Kochen von Tee zu Mokey's persönlicher Leidenschaft entwickelte und sie anfing, mit der Mischung von Teeblättern, Kräutern und Früchten zu experimentieren. Doch nicht nur das Zubereiten, sondern auch das Trinken bereiteten ihr wahre Freude, ließ doch jede Tasse einen neuen Traum in ihrem Kopf entstehen, was wohl nicht zuletzt den Geschichten ihres Großvaters zu verdanken war. Ein scharfer, blutroter Tee mit Minze und verschiedenen Beeren zum Beispiel erzählte von der Schlacht auf dem Grünfeld, von den geschliffenen Klingen der Orks und dem kräftigen Hieb des Bandobras Tuk, während ein sanfter Rosenblütentee sie an die traurige aber doch zauberhafte Liebesgeschichte zwischen Adebard und seiner Frau, ihrer Großmutter, Heidelinde Schmierfink denken ließ und wie diese damals bei einem schrecklichen Unfall mit einem Reiter aus Rohan ihr Augenlicht verlor.
Einige Jahre strichen so in's Land und die Zeit wandelte auch Dachsbauten. Die Zustände an den Grenzen und den umliegenden Landen trieben einige ihrer Freunde und Nachbarn und wahrscheinlich auch jede Menge anderer tollkühner Hobbits aus dem ganzen Auenland dazu, eben jenes zu verlassen und sich den zahlreichen Bedrohungen der sogenannten Freien Völker zu stellen. Immer öfter kamen Fremde in oder durch den Ort und immer öfter waren diese Fremden nicht gerade freundlicher Natur. Eines Morgens fand sie das kleine Feld hinter'm Haus verwüstet und zertrampelt vor, eines anderen Morgens fand der Nachbar ein totgerittenes Huhn mitten auf der Straße. Als dann auch noch Knuddel, Mokey's Schaf, in einer Nacht- und Nebelaktion von Unbekannten geschärt worden war und gemunkelt wurde, es seien Bilwisse im Auenland gesichtet worden, beschloß sie, dass es an der Zeit war, sich den Landbütteln anzuschließen. Und für alle Fälle lernte sie dort auch, wie man sich erfolgreich mit einem Schild und einem Knüppel zur Wehr setzt, woran sie wahrlich Spaß hatte.
Außenstehende, die das Leben in der Stadt gewohnt sind, werden sagen, dass in diesem Ort wirklich tote Hose sei, doch den Bewohnern von Dachsbauten fallen beinahe täglich kleine Misstände auf, die vorher noch nicht da waren. Abgeknickte Blumen, große Fußspuren in Beeten oder Kratzer an Smialtüren sind nur wenige Beispiele für das, was die Einwohner innerlich nervös werden ließ, selbst wenn sie es aus Gründen der Höflichkeit nicht zeigten. Schließlich hatten sie alle eine gute Erziehung genossen und wussten sich in Gesellschaft bestens zu benehmen. Mokey konnte zwar nur wenige dieser Verbrechen aufklären, weil es sich bei den Tätern meist um Durchreisende handelte, half aber nach Kräften dabei, die Misstände wieder zu beheben und unterstützte, wann immer sie konnte, die Wirtschaft ihrer Eltern.
Eines Tages dann, es war Herbst und der Wind zog kühl aus dem Nordwesten durch den kleinen Ort, verschwanden ihre Eltern. Niemand hatte gesehen, wohin sie gegangen waren und ob sie überhaupt gegangen oder gar verschleppt worden waren. Keine Spur, kein Brief, nichts, sie waren einfach weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Das führte dazu, dass Mokey die vorerst letzte verbleibende Schmierfink wurde und die Bewirtung mit Butterbroten und Tee nurmehr der Dachsbautener Wachstube zuteil ward. Mit der Zeit war Mokey sich immer sicherer, dass ihre Eltern entführt worden sein mussten, aus welchem Grund auch immer.
Ein gutes Jahr, nachdem sie verschwunden waren und es immer noch keine Spur nach ihrem Verbleib (allerdings jede Menge Gerüchte und Gerede, das mittlerweile wieder verstummte) gab, hang in der Wachstube ein Gesuch, in dem darum gebeten wurde, dass sich ein oder mehrere Grenzer oder Landbüttel melden mögen, um in Not geratenen Hobbits ausserhalb des Auenlandes beizustehen. Die Gegebenheiten der Zeit und die sich ständig ändernden Umstände hatten, wie schon erwähnt, dazu geführt, dass einige Hobbits das Auenland verlassen hatten und -wer hätte das nur erwartet!- in die eine oder andere Schwierigkeit geraten waren. Eine ganze Woche und noch ein paar Tage mehr dachte Mokey darüber nach, bis sie schließlich die wichigsten Dinge zusammenpackte und sich zum Außendienst meldete. Sie dachte daran, dass sie auf diese Weise vielleicht auf die Spur ihrer Eltern kommen und die Abenteuer erleben könnte, von denen sie als Kind immer geträumt hatte (auch wenn sie sich mittlerweile nicht mehr sicher war, ob sie das wirklich so unbedingt wollte - wer weiß schon, was es außerhalb der Heimat für grausig-garstige Kreaturen gibt?) und von denen ihr Großvater in Ansätzen zu erzählen wusste. Mit einer Menge Proviant, den wichtigsten Kochutensilien und einer Menge Mut und Bammel machte sie sich auf die Reise in unbekannte Länder zu Völkern mit seltsamen Traditionen und verrückten Geschmäckern. Und, nur für alle Fälle, packte sie auch einen stabilen Schild und einen Knüppel aus der Wachstube ein.
So wurde Mokey Schmierfink, der es eigentlich vorherbestimmt war, Butterbrotschmiererin zu werden, der Posten des 'Landbüttels im Außendienst' zu Teil, dem sie seit garnicht mal so langer Zeit nachgeht. Einigen Hobbits konnte sie schon aus der Misere helfen und etliche werden wohl noch folgen, bis sie endlich wieder in Dachsbauten bleiben und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann: Tee trinken und Geschichten träumen. Und vielleicht, vielleicht erzählt sie irgendwann ihrem Enkelkind von den Gefahren ausserhalb des Auenlandes und dem aufreibend-aufregenden Leben eines Landbüttels im Außendienst.
Die Geschichte der Mokey Schmierfink
6 June 2011
um
13:59
in
Geschichten
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