Südhangtee und Geisterpilze
Am nächsten Morgen torkelte ich noch schlaftrunken in die Gaststube und setzte mich an einen Tisch. Ein gut betagter Hobbit kam zu mir und fragte mit rauher Stimme: "Na, gut geschlafen, der Herr?" Ich nickte. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?" fragte er. Ich nickte abermals. "Gestatten, dass ich mich vorstelle, Santo Hügelpflug mein Name. Ich bin pensionierter Landbüttel und Feinschmecker, haha!" Sein Lachen klang, als würde er an dem Rauch seiner Pfeife ersticken. "Es ist selten, dass sich jemand vom Großen Volk aus dem Osten hierher verirrt. Darf ich fragen, was Sie hierher führt?" Wiedereinmal erzählte ich, woher ich kam und was ich in Michelbinge wollte. "...und gestern Abend bin ich endlich hier angekommen und direkt in einen tiefen Schlaf gefallen." - "Oha, oha, dann kennen Sie unsere großartige Stadt ja noch garnicht. Was halten Sie davon, wenn ich Sie zu einem ganz besonderen Willkommensfrühstück einlade und Ihnen danach die Stadt zeige?" Da meine Reisekasse in letzter Zeit drastisch geschrumpft war und ich gegen eine Führung durch Michelbinge nichts einzuwenden hatte, stimmte ich erfreut zu.
Santo gab dem Wirt ein Zeichen, der daraufhin zu uns an den Tisch kam. "Mach' dem Jungen mal einen Südhangtee und eine Schüssel Geisterpilze. Aber die Guten." Schon wieder Pilze? Meine Güte, dachte ich, diese Hobbits ernähren sich auch dauernd von Pilzen. Die Pilze jedoch, die kurze Zeit später auf dem Tisch standen, waren völlig anders als die, die ich bisher kredenzt bekommen hatte. Sie waren flach und weiß und hatten rote Pünktchen auf dem Hut. Der Tee hatte eine rötliche Färbung und roch köstlich nach Äpfeln mit Zimt. "Das sind echte Geisterpilze," sagte Santo nicht ohne einen mysteriösen Unterton in der Stimme, "die wachsen nur tief im Alten Wald im Breeland, ganz nah bei den Hügelgräbern. Eine echte Delikatesse unter Kennern." Er lächelte verheißungsvoll. "Eigentlich sind sie giftig, aber diese hier wurden entgiftet, dennoch lässt es sich nicht vermeiden, dass ein kleiner Teil des Giftes im Fleisch des Pilzes verbleibt. Das ist zwar nicht lebensgefährlich und macht auch nicht krank, aber man sollte sie mit Bedacht genießen. Probieren Sie doch mal einen." Vorsichtig nahm ich einen der Pilze in die Finger. Er roch nach nichts und ich erkannte viele winzige Löcher, an denen er durchstochen worden war, vermutlich die Spuren der Entgiftung. Vorsichtig biss ich ein Stückchen ab.
Er schmeckte fast wie Hühnchen mit einer hellen Sauce. "Vorzüglich." sagte ich und stopfte den ganzen Pilz in meinen Mund. Santo grinste. Aus seinen Ohren, seiner Nase und seinem Mund quollen langsam Farben, gelbe, blaue, rote und grüne und mischten sich, bis sie den ganzen Raum einnahmen. Mir wurde schwindelig, mein Schädel drehte sich und ich konnte mein Herz hören. Nein, ich konnte es nicht schlagen hören sondern ich bemerkte, wie es atmete, wie es die Luft aus meinem Blut in sich aufsog und wieder freigab, ich spürte, wie meine Füße sich vom Boden lösten und ich langsam durch die Gaststätte flog, ohne jemals meinen Stuhl verlassen zu haben. Der Raum erweiterte sich zu ungeahnten Ausmaßen und alles war bunt und schön, dumpf erklang die Stimme von Santos, der mir riet, einen Schulck des Tees zu kosten. Sein Gesicht hatte sich zu einer ulkigen Grimasse verzerrt und ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen, als es wabbelte wie ein Pott Marmelade, wenn er den Mund öffnete. Ich griff nach der Tasse, trank einen Schluck Tee und der warme, angenehme Duft von Äpfeln mit Zimt stieg in meinem Kopf auf, durchdrang jede Pore meines Körpers und ließ die Farben verpuffen wie viele hundert Miniaturfeuerwerke. Hinter den Farben tauchten ein paar Geister auf, die mir freundlich zuwunken und sich in Nichts auflösten. Bedeppert sah ich Santos an.
"Sie hatten wohl Glück," sagte er, "aus Ihrem Lachen kann ich schließen, dass sie eine schöne Reise hatten?" - "Ja, es war... bunt." - "Ah, eine Farbreise." sagte er, als wäre es das Normalste der Welt. "Wissen Sie, man kann Glück haben, wenn man einen Geisterpilz isst und eine Farbreise oder eine Klangreise machen, etwas wundervolles erleben, oder man hat Pech und erwischt einen der fiesen Pilze, die ganze Alpträume und Horrorvorstellungen zum Leben erwecken. Der Tee lässt den Effekt schnell verpuffen." Ich staunte. "Und das alles nur wegen eines Pilzes?" Ich griff nach dem nächsten, doch Santo hielt meine Hand fest. "Nicht doch, junger Freund, diese Geisterpilze mögen einen in wundervolle Welten entführen, doch sollten sie mit Bedacht genossen werden. Zu viele davon und Sie werden aus dieser Welt nicht mehr zurückkehren. Dann sitzen sie hier, sabbernd und unfähig, sich auch nur im Geringsten selbst zu versorgen, ein Opfer der Flucht in die Phantasie. Das wollen Sie doch nicht, oder?" fragte er. Nein, das wollte ich wirklich nicht. Ich legte den Pilz wieder hin und trank noch einen Schluck Tee. "Wissen Sie, das ist eine wahrlich seltene und weitestgehend unbekannte Spezialität, die nicht jeder zu kosten bekommt. Nur wenige wissen, dass Geisterpilze genießbar sind und noch weniger, wie man sie zubereitet. Seien Sie froh, dass Sie dieses Erlebnis machen durften. Und erzählen Sie es nicht unbedingt weiter."
In dem Moment sprang die Tür auf und eine Hobbitfrau, die schon ein paar Jahre hinter sich hatte, kam in die Gaststube, die Fäuste in die Hüften gestemmt und in einer Hand ein Nudelholz. Der Wirt sah sie, schmunzelte und wusch weiter seine Gläser. Die Hobbitdame kam zu unserem Tisch und zeterte los. "Hier biste also wieder, du Halunke! Na dir werd' ich's zeigen! Beweg gefälligst deinen Hintern nach Hause, statt hier zu zechen!" Santo zuckte zusammen und wurde immer kleiner, während seine Frau mit dem Nudelholz hinter ihm umherfuchtelte. "Ist ja gut, ich komm' ja schon." sagte er kleinlaut. "Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn wir die Führung... Aua!" Mit einem dumpfen 'Plock' landete das Nudelholz auf Santos Schädel. Ich schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Grinsen. "Nein nein, schon in Ordnung" sagte ich schnell. "Führung?" zeterte seine Frau weiter, "Ich führ' dich gleich mal zu deiner Arbeit, du fauler Hund! Der Garten will gemacht werden und die Tür ist immer noch nicht gestrichen..." scheuchte sie ihn vor sich her aus der Gaststube. Der Wirt lachte mich an. "Jed'n Tach dat selbe." sagte er. "Darf's noch wat sein?" - "Nein, danke." Ich stand auf, brachte ihm das schmutzige Geschirr und machte mich auf, um Michelbinge zu erkunden.
Prinzessin Riechgut
Michelbinge war eine großartige, bezaubernde Stadt. Alles war so verteilt, dass es trotz seiner Größe wie ein Dorf wirkte. Der Duft war einfach herrlich, überall roch es nach Essen und Blumen, hier und da liefen ein paar Kinder an mir vorbei oder ein paar Hobbits unterhielten sich über schlechte Kuchen oder die beinahe verdorbene Ernte. Bienen surrten fröhlich umher und wurden von Vogelzwitschern begleitet und obgleich jeder etwas zu tun hatte, ging doch alles mit einem Leichtsinn und einer Gemütlichkeit von Statten, die man in Bree niemals finden würde. Hier war das Leben so, wie ich es mir immer gewünscht hatte, die Leute und die Umgebung, die völlige Abwesenheit von Bosheit und Schlechtem. Es hätte mich tatsächlich gewundert, hier ein Gefängnis oder gar einen Pranger zu entdecken und so schlenderte ich berauscht von der frischen Luft, die so völlig Stadtuntypisch war, umher und suchte den Koch, der mein neuer Lehrmeister werden sollte.
Aber bevor ich den finden sollte, kam ich bei einer alten Frau vorbei, die in ihrem Schaukelstuhl saß und ein paar Kindern eine Geschichte erzählte. "Grüß' dich, Mütterchen Tuk!" sagte ein junger Hobbit im Vorbeigehen. "Na, erzählst du den Kleinen wieder von der alten Zeit?" - "Natürlich, sonst würde mir ja garkeiner zuhören." sagte die Alte mit einem gespielt mürrischen Ton und lachte. Ich wurde neugierig, lehnte mich in einiger Entfernung an den Zaun und lauschte der zittrigen Stimme der Hobbitdame.
"Hab' ich euch eigentlich schon die Geschichte von Schneeflöckchen und den zwölf Räubern erzählt?" fragte sie die Kinder. "Mindestens schon hundert mal." seufzte ein Junge und ein Mädchen bestätigte: "Ja, die kennen wir schon." - "Und die von den siebenhundert blutroten Rubinen?" fragte Mütterchen Tuk. "...die sich in Zwerge verandeln und eine Reise durch das ganze Land machen, bis sie am Ende von einem Drachen gefressen werden. Kennen wir schon." - "Alter Hut." sagten die Kinder. "Dann kennt ihr sicher auch schon die Geschichte von Prinzessin Riechgut und ihren zwei Verehrern, hm?" fragte die Alte geduldig. "Prinzessin Riechgut?" wiederholte ein Mädchen. "Nein, die kennen wir noch nicht" sagte einer der Jungs. "Erzählst du uns die?" Ein gutmütiges Lächeln huschte über Mütterchen Tuk's Gesicht.
"Damals, als in Michelbinge noch nicht ein einziges Smial stand," begann sie ihre Geschichte, "gab es weit im Norden des Auenlandes, ungefähr da, wo heute Dachsbauten ist, eine Familie mit dem Namen Riechgut. Das Oberhaupt der Familie, Väterchen Riechgut, war ein alter und weiser Mann, der schon viele Länder bereist hatte. Er war Gewürzhändler und schaffte Gewürze aus der ganzen Welt ins Auenland, die hier noch völlig unbekannt waren und unsere Köche zu Experimenten und Versuchen verleiteten, aus denen unsere wundervolle Kochkultur entstanden ist. Mütterchen Riechgut kümmerte sich derweil um den Garten, stellte einige Duftwässerchen mit Hilfe der Gewürze und der angebauten Kräuter her und zog ihr Kind groß. Die beiden nannten ihre einzige Tochter immer nur Prinzessin, obwohl sie garkeine richtige Prinzessin war. Aber sie entwickelte sich zu einem der hübschesten Mädchen im ganzen Auenland und darüber hinaus.
Ein so hübsches Mädchen war natürlich bei den Junggesellen aus dem Umkreis sehr begehrt und so kam es, dass immer wieder jemand um ihre Hand anhielt. Den meisten der Jungs sagte sie, sie sollen dort hingehen, wo der Pfeffer wächst und einige machten sich in der Hoffnung auf ein Treffen tatsächlich auf den Weg und sitzen wahrscheinlich heute noch in irgendeinem Pfefferfeld." Ein paar Kinder kicherten. "Aber zwei von ihnen mochte sie wirklich, die erkor sie zu ihren Prinzen aus. Natürlich waren auch sie keine richtigen Prinzen, aber sie nannte sie Prinz Spitzkinn und Prinz Kugelrund. Was meint ihr, wie die beiden Prinzen aussahen?" - "Prinz Spitzkinn hatte bestimmt ein spitzes Kinn und war sonst total süß." schwärmte ein Mädchen seinen Vorstellungen nach. "Und Prinz Kugelrund war bestimmt noch runder als der alte Weißfuß." lachte ein Junge, worauf einige der Kinder dem Lachen einstimmten. "Beinahe." sagte Mütterchen Tuk. "Es war nämlich genau umgekehrt. Prinz Kugelrund hatte das spitze Kinn und Prinz Spitzkinn war rund wie ein Kugelkuchen. Aber nur sie wusste, wer welchen Namen hatte und natürlich dachten alle, dass sie genau den anderen meinte, wenn sie von einem der beiden sprach.
Um herauszufinden, wer für ihre Tochter der geeignete Partner war, stellte Väterchen Riechgut den beiden Prinzen eine schwere Aufgabe. Er kannte sich mit Gewürzen aus wie kein anderer und wusste von einer Legende, einem Gewürz, von dem man sagte, es könne einem Schwachen die Kraft zurückgeben, einem Sterbenden das Leben bringen und einem Einsamen die Liebe zeigen. Und so trug er ihnen auf, die letzte sagenumwobene Pflanze, die man den smaragdgrünen Balrogzeh nannte, zu finden, zu pflücken und zu ihm zu bringen. Man sagte, sie würde in den Trollhöhen wachsen, tief unten in einer Höhle, in der die Trolle sich tagsüber versteckt halten. Also machten sich Prinz Spitzkinn und Prinz Kugelrund auf die Reise zum Rand des Auenlands, quer durch das Breeland, in dem die Menschen wohnen, bis tief in die Trollhöhen hinein, um das Herz ihrer Geliebten zu gewinnen.
Väterchen Riechgut war fest davon überzeugt, dass es sich beim smaragdgrünen Balrogzeh nur um eine Legende handelte und die beiden leichtgläubigen Dümmlinge von den Trollen zerquetscht werden würden. Er war froh, diese beiden Bauerntrampel losgeworden zu sein und plante schon, wie er seine heißgeliebte Tochter mit dem Sohn des wohlhabenden Ortsvorstehers zusammen bringen könnte. Aber er hatte nicht mit der Hartnäckigkeit der beiden Hobbits gerechnet. Prinz Kugelrund und Prinz Spitzkinn waren nämlich mittlerweile tief in die Trollhöhle vorgedrungen, völlig unbemerkt, denn die Trolle waren auf ihrem nächtlichen Beutezug. Sie suchten jeden Winkel, jede Ecke der Höhle ab und hatten sich geschworen, gemeinsam um ihr Leben zu kämpfen, wenn es sein musste, hauptsache sie würden dieses Abenteuer überleben. Derjenige, der die Pflanze finden würde, dürfte sie behalten und um die Hand der Prinzessin anhalten, so ihre Abmachung. Und tatsächlich, im letzten Winkel der Höhle fand Prinz Spitzkinn eine Pflanze, die einen smaragdgrünen Schimmer ausstrahlte und über Blüten und Blätter verfügte, die wie kleine Zehen aussahen. Das musste der smaragdgrüne Balrogzeh sein! Er pflückte sie mit aller gebotenen Vorsicht und steckte sie sorgsam in seine Tasche, als Prinz Kugelrund zu ihm stieß. Einen Augenblick lang war er am Boden zerstört, wollte sich sogar den Trollen zum Fraß vorwerfen, weil er die Pflanze seinem Mitstreiter überlassen musste, doch er besann sich schnell eines besseren und gerade als sie sich auf den Weg nach draußen machen wollten, fing die Erde an zu beben. Die Sonne ging auf und die Trolle kamen zurück in ihre Höhle.
Die beiden Prinzen verkrochen sich so weit es ihnen möglich war in einer Ecke und zitterten wie Espenlaub, als die riesigen Trolle, denen sie nicht einmal bis zum Knie reichten, an ihnen vorbei stapften. Der kugelrunde Prinz Spitzkinn dachte daran, was für eine große Feier ihn erwarten würde, wenn er das überleben, im Auenland ankommen und um die Hand seiner Prinzessin anhalten würde. Der spitzkinnige Prinz Kugelrund hingegen dachte daran, wie qualvoll und furchtbar es für ihn werden würde, zuzusehen, wie der andere Kerl da sein hochgeschätztes Mädchen ehelichen wollte. Da kam ihm ein furchtbarer Gedanke in den Sinn. Wenn die Trolle Prinz Spitzkinn erwischen würden, würden sie ihn zerquetschen und er, Prinz Kugelrund, könnte sich in der nächsten Nacht die Pflanze holen und die Prinzessin für sich beanspruchen. Er könnte einfach sagen, er wüsste nicht, was mit dem anderen Prinzen geschehen sei und niemand würde je dahinter kommen." - "Wie gemein!" protestierte ein Mädchen. "Ja, was ein fieser Hund." stimmte ein anderes zu. "Pssst!" mahnte einer der Jungs, der wissen wollte, wie es weiterging. Auch ich lauschte der Geschichte gespannt.
Mütterchen Tuk fuhr nach einer kleinen Pause fort, in der sie einen Schluck Wasser zu sich nahm. "Prinz Kugelrund flüsterte Prinz Spitzkinn zu, dass er befürchtete, jeden Moment entdeckt zu werden. Er sagte, er habe tierischen Kohldampf, müsse dringend sein Geschäft erledigen und spätestens wenn er gleich pupsen würde, wäre alles zu spät, weil die Trolle das unmöglich überriechen konnten." Die Kinder kicherten. Auch ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Schließlich überzeugte er Prinz Spitzkinn davon, sich vorsichtig von einem Versteck zum nächsten vorzuarbeiten, bis sie aus der Höhle rauskamen. Dieser wartete, bis die Wache ihre nächste Runde vorbei gegangen war und machte sich auf den Weg. Prinz Kugelrund aber lachte sich in's Fäustchen und blieb genau da, wo er die ganze Zeit schon wartete, in der Hoffnung, dass der kugelrunde Prinz bald ein platter Prinz war.
Prinz Spitzkinn aber merkte bald, dass die meisten Trolle bereits tief und fest am schlafen waren. Leise und vorsichtig bahnte er sich seinen Weg nach draußen und versteckte sich immer dann, wenn ein Wachtroll an ihm vorbeikam, bis er endlich das Tageslicht erblickte und sich in einiger Entfernung zu der Höhle am Wegesrand niederließ, um etwas zu essen und auf seinen Begleiter zu warten. Er wartete und wartete, bis die Sonne kurz vor dem Untergang war. Dann versteckte er sich in einem nahegelegenen Gebüsch und beobachtete den Höhleneingang und die Trolle, die gemächlich ihre Unterkunft verließen. Prinz Kugelrund lief unterdessen durch die Höhlengänge und suchte nach seinem toten Freund um ihm den smaragdgrünen Balrogzeh abzunehmen. Er suchte und suchte und suchte so lange, bis er sich völlig verirrt hatte und unvorsichtig ein paar Trollen, die gerade im Begriff waren, aufzustehen, in die Arme lief. Die hoben ihn hoch und brachten ihn zu ihren Freunden am Eingang, wo ein großer Tumult um den Eindringling ausbrach. Sie stritten sich, weil jeder ein Stück der Beute haben wollte und zerrten an ihm, rissen ihm die Arme und Beine aus und seinen Körper entzwei und verspeisten ihn, bis nichts mehr von Prinz Kugelrund übrig war." Die Kinder verzogen das Gesicht. "Der Arme." sagte einer. "Hatter doch verdient," antwortete ein Mädchen, "der doofe Verräter!"
Prinz Spitzkinn wartete so lange, bis alle Trolle ausser Sichtweite waren und nahm die Beine in die Hand. Er lief und lief, bis er das Breeland erreichte und dreieinhalb Tage später kam er wieder im Auenland an. Väterchen Riechgut war überrascht und sehr beeindruckt, den jungen Mann überhaupt wiederzusehen, dachte aber nicht im Traum daran, dass dieser das Gewürz erbeutet hatte und empfing ihn auf's herzlichste. Als Prinz Spitzkinn ihm den smaragdgrünen Balrogzeh präsentierte, konnte Väterchen Riechgut es nicht fassen. Er hatte schon genau geplant, wie er seine Tochter mit dem wohlhabenden Jungen verkuppeln wollte und wie reich er dadurch würde, und all diese Träume platzten mit einem Mal und vor lauter Enttäuschung hörte sein Herz auf zu schlagen und er fiel auf der Stelle tot um. Prinz Spitzkinn aber hielt um die Hand von Prinzessin Riechgut an und sie heirateten und bekamen einen ganzen Batzen Kinder, von denen einige erfolgreiche Trolljäger und Gewürzsucher wurden und sich in ganz Mittelerde niederließen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann jagen sie noch heute Trolle und suchen nach dem sagenumwobenen smaragdgrünen Balroghzeh." - "Boah, eine tolle Geschichte." sagte ein Junge. "Ja, wirklich prima." stimmte sein Kumpel zu. "Erzählst du uns noch eine, Mütterchen Tuk?" fragte ein Mädchen. "Nein, heute nicht, Kinder. Ich bin müde und brauche etwas Ruhe. Vielleicht morgen wieder, ja?" antwortete die Alte. "Au ja, morgen!" - "Ich weiß auch schon, was ich euch morgen für eine erzähle." sagte Mütterchen Tuk geheimnisvoll. "Welche denn?" fragten mehrere Kinder gleichzeitig. Die Alte lächelte. "Morgen erzähle ich euch von einem furchtbaren Drachen, der von ein paar Zwergen und einem Hobbit ausgetrickst wurde." - "Uiii!" raunten die Kinder. "Das wird sicher spannend!" - "Dann bis morgen." - "Ja ja, bis morgen, Mütterchen Tuk." antworteten die Kinder und verstreuten sich in die Smials von Michelbinge, vermutlich zum Mittagessen. Auch ich machte mich wieder auf den Weg, um endlich zum Ziel meiner Reise zu gelangen.
Am Ziel
Es war nicht sonderlich schwer, den Ofen zu finden, an dem die jungen Hobbits das Meisterwerk erlernten, ich musste lediglich dem fantastischen Geruch, von dem ich mir wünschte, ihn greifen, an mich reißen und immer mit mir zu tragen, folgen. "Frau Unterberg, mach' ich das so richtig?" fragte einer der Jünglinge die Hobbitdame, die die Lehrerin zu sein schien. "Aber sicher." antwortete diese, "Schau mal, ich zeig' dir einen Trick." Sie nahm zwei Eier in eine Hand und drückte sie so geschickt aneinander, dass beide genau in der Mitte zersprangen und das Innere brutzelnd in der gußeisernen Pfanne landete. Der Junge versuchte es ihr gleichzutun, nahm zwei Eier in eine Hand und drückte, so dass sie zerplatzten und ihn und alle um ihn herum mit ihrem glibbrigen Eiweiß bespritzten. Frau Unterberg lachte. "Schau mal, so..." Sie nahm seine Hand und zeigte ihm den Trick, der daraufhin funktionierte. Der Junge strahlte.
Ich ging zu ihr. "Entschuldigung? Frau Unterberg?" Sie drehte sich um und lächelte, dann sah sie nach oben. "Ähm... ja, bitte? Wie kann ich Ihnen helfen?" - "Ich..." Ich stutzte. Alle Hobbits, ihre Schüler, die anderen Lehrer, einfach jeder auf diesem Platz sah mich an. "Ich würde gerne... ich... also..." - "Sie würden gerne...?" - "Ich... ich würde gerne Ihr Lehrling werden." Sie lachte laut auf. "Mein Lehrling? Ein Mensch? Ha!" Anschreien? Ja. Entsetzt sein? Ja. Fortschicken? Ja. Mir eine Aufgabe geben? Ja. Aber lachen? Nein, das war so ziemlich die einzige Reaktion, mit der ich nicht gerechnet hatte. "Wissen Sie denn schon, was eine Pfanne ist?" fragte sie neckisch. Ich schmunzelte. Sie hielt mich wohl für einen völligen Neuling auf dem Gebiet. "Natürlich weiß ich das. Und kochen kann ich auch, aber..." - "Kochen können Sie?" Sie lachte abermals. "Was denn? Spiegelei und trockene Schnitzel? Ha!" - "Also nun hören Sie mal..." entgegnete ich entrüstet. "Nein, Sie hören mal, schließlich wollen Sie ja was von mir, nich wahr? Ich bin hier mitten in meinem Unterricht und wenn Sie tatsächlich so überzeugt von Ihrer Kochkunst sind, was wollen Sie dann eigentlich von mir?" Ich stutzte. "Aha, ich verstehe. Sie sind Anfänger, was? Und Sie wollen mehr von mir lernen, wie? Ich sag' Ihnen mal was: Wenn Sie mir ein Gericht zubereiten, das ich nicht gleich wieder ausspucke, dann bringe ich Ihnen meine Tricks bei. Aber das wird nicht einfach, also strengen Sie sich gefälligst an! Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe meinen Unterricht beenden. Auf auf, an's Werk!"
Ich stand noch ein paar Minuten sprachlos da, bis ich meinen Auftrag realisierte. Mein bestes Gericht zubereiten... Ich überlegte, was ich alles für Gewürze bei mir trug. Rosmarin, Kardamom, Pfeffer und Salz natürlich, etwas der duftenden Gewürzlilie von den Wetterbergen war auch noch da, ein wenig Koriander, Engelswurz und Stinkasant, getrocknete Petersilie und Liebstöckel, ein paar Gramm Labkraut und sogar einen gehächselten Rohanfarn, etwas Breer Dreifuß und sogar das Holzgewürz aus Froschmoorstetten, also die besten Gewürze für eine hervorragenden Marinade. Ich ging meine besten Rezepte im Kopf durch und beschloß, einen Eintopf mit mariniertem Fleisch zuzubereiten. Fehlten nurnoch die frischen Zutaten. Welch ein Glück, dass Zutaten für ein zünftiges Mahl in Michelbinge nun wirklich kein Problem darstellten.
Zufällig traf ich auf dem Marktplatz den Hobbit wieder, der mir in Hobbingen die Salamanderfleisch-Geschichte erzählt hatte. Er zog einen ganzen Wagen hinter sich her und wollte sich gerade daran machen, einen Stand für seine Ernte aufzubauen. "Guten Tag auch!" sagte ich freudig. "Ah, schau he! Diesma mit'ne Buchs, hm?" Ich lächelte freundlich. "Magst ma helf'n, 'n Stand oofzuboon?" - "Wenn's nicht allzu lange dauert, gerne. Ich bin etwas in Eile." - "Ah, Eele mit Weele, mi Jung. Des geht ratzfatz, hm!" Und tatsächlich, keine zwei Minuten später stand der Stand. Wir mussten nur an vier Stangen ziehen um das Dach auszuklappen, selbige mit Splinten befestigen und die Holzbeine in die Karre stecken, schon waren wir fertig. Der Hobbit deckte seine Ware ab. Ich sah sie interessiert durch. "Broochst wat?" fragte er. "Allerdings," antwortete ich, "einen Bund Frühlingszwiebeln... drei Möhren, ein paar Radieschen und eine Handvoll der besten Kartoffeln." - "Ha! Meene Kartöffelkes sin' alle de beste, hm!" Er packte die Sachen in einen dünnen Beutel und reichte ihn mir. "Was macht das?" - "Ah geh, dat is für's helfe beim Uffboo." - "Dann vielen Dank." Er nickte und ich machte mich auf zum Jäger.
Nachdem ich zweimal nachgefragt hatte, fand ich endlich die Hütte des Michelbinger Jägers. Eigentlich war sie kaum zu übersehen, schon vor seinem Smial hatte er allerlei Felle zum trocknen aufgehängt und aus seinem Schornstein quoll weißer Qualm, wohl aus der Räucherkammer. Ich klopfte an. "Jaha!" schallte es von innen, "Herrehein!" Also öffnete ich die runde Tür und betrat das Smial des Jägers.
Seine Einrichtung passte so garnicht zu meinem Eindruck von Michelbinge. Nicht, dass es unangenehm war, es war eher... anders. Die Wände waren aus Holz und vom Rauch dunkel gefärbt, an den Wänden hingen Felle und ausgestopfte Tierköpfe von Wölfen, Bären und Hirschen, überall standen präparierte Tiere auf Sockeln herum. Auf einem Sockel stand ein Dachs, daran stand 'Dachs aus Dachsbauten', auf einem anderen ein 'Fuchs aus Lützelbinge', ein 'Hase aus Buckelstadt', ein 'Eichhörnchen aus Stock', in der Ecke stand ein 'Braunbär aus dem Alten Wald' und eine 'Schneekatze aus Duillond' und etwas verstaubt im Hintergrund sogar ein 'Keiler aus Evendim', direkt unter einem 'Crebain aus dem Breeland', der an der Wand angebracht war. Aus einem Nebenraum rief der Jäger "Bin sofort daha." und nach ein wenig Klappern, Ächzen und einem seltsam schmatzenden Geräusch kam er auch schon durch die Tür, in einer blutverschmierten Schürze sich die Handschuhe ausziehend. Als er mich sah stutzte er einen Augenblick. "Oh, mit so großem Besuch hätte ich nun nicht gerechnet." Er lachte verlegen. "Was kann ich für Sie tun, der Herr?" - "Nun, ich bräuchte etwas frisches Fleisch." - "Oh, das ist kein Problem, gaharkein Problem. Von welchem Tier soll's denn sein? Hase? Fuchs? Eichhörnchen? Bär? Oder vielleicht Wolf? Alles gahanz frisch, heute und gestern erlegt, jaha!" Er überschlug sich fast beim reden. "Ein Hase und eine Bärenlände wären prima." sagte ich. "Gut, gut... wieviel darf's denn sein? Für eine große Feier oder ein kleines Mittagessen? Oder für einen zweisamen Ausflug in's Grüne?" Er zwinkerte und grinste bei den Worten. "Nur für einen kleinen Eintopf." antwortete ich. "Für ein Mittagessen. Aber bitte nur das Beste," einen Moment lang sah es aus als fühle sich der Jäger beleidigt, "es ist für Frau Unterberg." dann hob er erstaunt die Augenbrauen. "Oho, für Juwela? Dann bekommen Sie selbstredend das Allerbeste vom Besten, nur einen kurzen Augenblihick Geduld." Und schon war er wieder in seinem Hinterzimmer verschwunden.
Es roch seltsam in der Jägershütte. Der Geruch von Blut und totem Fleisch mischte sich mit dem von Buchenholz und allerlei Gewürzen. Ein leichtes Stechen in der Nase, aber kein unangenehmes, irgendwie verschmolzen die Düfte zu einem angenehmen Ganzen, das mir das Wasser im Mund zusammenlaufen und die Vorfreude auf das Kochen wachsen ließ. Der Jäger kam zurück, bepackt mit einem Riesenbatzen Bärenfleisch, in dem ich nicht eine Sehne oder unnötiges Fett ausmachen konnte und dem wahrscheinlich größten und kräftigsten Hasen, den ich je gesehen habe. "Oh, das ist..." - "Das Beste vom Besten! Ach, was rede ich, das ist besser als das Beste vom Besten, das hier ist das allerfeinste Fleisch, das Sie je kosten werden. Macht zwei Silber fünfundsiebzig, weil's für Juwela ist. Sie sind wohl ihr neuer Schüler, wie?" - "Naja, ich arbeite daran." sagte ich und zählte das Geld ab. "Na dann viel Glühück... und grüßen Sie sie lieb von mir, ja?" - "Selbstverständlich." nahm ich das Fleisch und verabschiedete mich.
Meine letzte Besorgung war ein Stück frische, feine Butter, die ich von einem Bauer aus eigener Herstellung erwarb. Sie war goldgelb und machte den Eindruck, geradezu in der Hand zerfließen zu wollen, so zart und cremig war sie. Perfekt für meinen Eintopf und die Marinade. Da ich nun alle Zutaten beisammen hatte, begab ich mich zurück zur Kochstelle. Frau Unterberg war zwar nicht mehr da, aber der Ofen glühte noch vor sich hin, also konnte ich mich an die Arbeit machen.
Leidenschaft
An einer Tür gegenüber des Ofens stand "Gildenhalle der Meisterköche", die mich zwar nicht hinein lassen wollten, mir aber freundlicherweise mit zwei Schüsseln, einem großen Topf und einem Brettchen aushalfen. Alles andere was ich brauchte trug ich bei mir.
Zu allererst stellte ich meine Pfanne an den Rand des Ofens, damit sie schonmal anwärmen konnte. Dann zog ich einen kleinen Topf und den Schlauch Wasser aus meinem Rucksack, den ich in Arthurs Lager gekauft hatte. Auf ein kleines Mäuerchen legte ich meine Gewürzbeutelchen aus, eins neben das andere. Die Schüsseln stellte ich auf einen kleinen Holzblock, den ich mir heranzog und das Brettchen landete auf dem Ofenvorsprung, dort, wo das Feuer kaum Hitze erzeugte. Daneben ordentlich sortiert mein kleines Messersortiment - ein Schälmesser, ein Fleischmesser, ein Gemüsemesser, ein Buttermesser, ein Hackmesser und ein Allzweckmesser, zusätzlich einen Lederriemen zum schärfen, den ich mit einem Ende an meinem Hosenbund, mit der anderen an meinem Schuh befestigte und so spannte. Die gesammelten Zutaten legte ich ebenfalls nebeneinander auf die Mauer, von den Kartoffeln bis zu dem Schlauch Wasser. Meine Kelle hang ich an den Rand des großen Kochtopfs, zum umrühren. Irgendwas vergessen? Nein. Also los.
Erst einmal schnitt ich das Bärenfleisch in Scheiben, die Scheiben in Streifen und die Streifen in würfelförmige Stückchen. Das Messer glitt durch das zarte Fleisch wie durch Tomatenfleisch. Die Stückchen landeten allesamt in der größeren Schüssel. Ein Viertel der Butter ließ ich langsam in der Pfanne schmelzen, während auf dem Brettchen Rosmarin, Engelswurz, Koriander, etwas Dreifuß und eine gesunde Prise Salz und Pfeffer zu Staub zerhackt und vermischt wurden. Das Gemisch kam über das Bärenfleisch und ich verarbeitete eine Möhre und ein paar Frühlingszwiebeln in winzig kleine Stückchen, die zusammen mit der geschmolzenen Butter ebenfalls zu dem Fleisch kamen. Das Ganze wurde mit Wasser übergossen, bis das Fleisch darin schwamm und die Schüssel kam auf den Ofen, so, dass sie gut warm wurde ohne dass das Gemisch anfing zu kochen.
Dann nahm ich mir den Hasen vor. Das Bärenfleisch war fester, die Fasern des Fleisches enger zusammen, deswegen musste das etwas länger ziehen und zuerst vorbereitet werden. Den Hasen also schnitt ich mit einem gekonnten Griff auf, entnahm die Innereien und zog ihm das Fell ab. Darin war ich geübt, das hatte ich daheim bis zum Umfallen machen dürfen. Das Hasenfleisch trennte ich sorgsam vom Knochen, schnitt jede Sehne und jeden Fitzel Fett heraus bis nurmehr das feinste Fleisch übrig war. Dieses verarbeitete ich dann wiederum zu Würfelstückchen, die etwa halb so groß waren wie die Bärenfleischwürfel und schob sie in die etwas kleinere Schüssel. Dann kam der kleine Topf zum Einsatz, in dem ich wieder ein viertel der Butter zum schmelzen brachte und sie leicht anbrennen ließ, um einen rauchigen Geschmack zu erzeugen. Währenddessen bereitete ich die lieblichen Gewürze wie Engelswurz, Liebstöckel und die Gewürzlilie vor, mischte sie mit einer Prise Pfeffer und rührte sie unter die Butter. Damit war die Marinade für den Hasen fertig und wurde über das Fleisch gegossen, mit Wasser aufgefüllt und ebenfalls erwärmt.
Meine Hände arbeiteten wie von selbst. Ich genoss den Duft der Zutaten und die Veränderung, die ich ihm zufügte. Nichts ist großartiger als über die Finger das Entstehen eines neuen Geschmacks, eines Genusses in sich aufzusaugen, zu sehen und zu riechen, dass man aus unscheinbaren Zutaten etwas neues erschafft. Ich probierte nicht einmal, ob die Mischung gut war, ich spürte es einfach. Die golden schimmernden Kartoffeln schälten sich wie von selbst und wurden nicht gewürfelt sondern in kleine Pyramiden geschnitten, die Radieschen verarbeitete ich zu kleinen Röschen und die beiden Möhren schnitt ich in Scheiben, wobei ich in manche davon sogar ein Gesicht einritzte, einfach weil ich Spaß daran hatte. In einem Schuss Wasser dünstete ich die Radieschen und die Möhrenscheiben dann, bevor sie in dem großen Topf landeten. Mit einem Stückchen Butter briet ich die Kartoffeln goldgelb, von jeder Seite, bis sie perfekt knusprig und doch saftig waren und gab sie ebenfalls in den Topf, den ich nun auf den Ofen stellte, damit er warm blieb. Einen Schuss der beiden Marinaden dazu und abwarten, dass es anfängt zu köcheln. Währenddessen schnitt ich die restlichen Frühlingszwiebeln in hauchdünne Ringe, ein unglaublich frischer, leicht süßlich-scharfer Duft umspielte meine Nase.
Als alle Zutaten im Kochtopf waren, briet ich das Fleisch an. Zuerst das Hasenfleisch, knusprig zart, bis es von selbst zu zerfallen drohte. Es roch unglaublich gut und bruzelte appetitanregend vor sich hin. Dann das Bärenfleisch, so, dass alle Seiten kross waren, alle Poren des Fleisches verschlossen und mit einem leichten, dunkelbraunen Rand, dass es gut durchgegart und trotzdem noch saftig war. Zu guter Letzt landete auch das in dem großen Topf und die Butter sowie ein guter Schuss Wasser füllten den Eintopf, der nun gekocht werden konnte. Nun hieß es, ihm mit Hilfe der Gewürze zu einem würdigen Abschluss zu verhelfen.
Ich würzte, was das Zeug hielt. Dreifuß, Labkraut, Pfeffer... noch eine Prise Petersilie, etwas Kardamom... bis der Duft mich beinahe dazu brachte, selbst alles aufzuessen. Ich kostete. Es war perfekt. Nicht so gut wie das Festmahl von den Hobbits, aber wohl das Beste, was ich bisher gekocht hatte. "Riecht ja ganz ordentlich." quäkte eine Stimme hinter mir. Ich erschrak. Frau Unterberg stand da, die Fäuste in die Hüften gestemmt und sah mir über die Schulter. "An Leidenschaft mangelt's Ihnen nicht, was? Und an Talent auch nicht. Schauen wir mal, wie's mit dem Können aussieht." Ich fragte mich, wie lange sie da schon gestanden haben mag. "Augenblick noch." sagte ich. "Wie Augenblick noch? Was denn?" - "Es ist noch nicht ganz fertig." Sie sah mich überrascht an. "Warten Sie bitte noch einen Moment, Frau Unterberg." - "Mh... nagut." grummelte sie und setzte sich auf die Mauer. Ich zögerte. Dann gab ich noch eine Prise des Froschmoorer Holzgewürzes dazu und probierte erneut. Eine gute Entscheidung, wie ich fand, es verlieh dem Ganzen eine außergewöhnliche Note. Aus meinem Rucksack zog ich einen Teller und einen Löffel, rührte den Eintopf noch einmal gründlich um und gab eine Kelle voll auf den Teller, den ich Frau Unterberg reichte.
Sie schnupperte ausgiebig an dem dampfenden Essen. "Mhm... riecht nicht übel, garnicht übel." Dann kostete sie einen Löffel und verzog das Gesicht. Vorsichtshalber, wie sich zeigte, denn schnell entspannte sie es wieder und begann langsam zu kauen. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Mh... erst scharf... dann süß... und dann würzig." murmelte sie. "Nicht Übel, wirklich nicht übel. Jedenfalls für einen Menschen, versteht sich. Immerhin essbar." Sie seufzte. "Herrje... das heißt, ich muss Sie jetzt unterrichten, richtig?" Ich lächelte und nickte. "Also gut. Betrachten Sie sich als mein Lehrling. Aber zu allererst besorgen Sie sich mal eine vernünftige Schürze, klar? Halfred macht Ihnen eine auf meine Kosten. Also los, los, worauf warten Sie noch?"
Fin.
(Inspiriert von "Der Herr der Ringe: Online", in dessen Welt die Geschichte auch spielt.)