"Niemand hat sich gemeldet?" - "Niemand." Arthur Heubank schüttelte leicht den Kopf. "Ob ich mich falsch ausgedrückt habe?" - "Nein, das glaube ich weniger." - "Aber..." - "Wisst Ihr, Bajola, die Leute glauben, dass die alten Hügelgräber verflucht sind. Ganz besonders dieses Othrongroth." - "Verflucht? Was ein Humbug." - "Wem sagt Ihr das? Aber Ihr seht ja selbst, es meldet sich niemand." - "Verflucht... dämlicher Aberglaube ist das!" - "Nun, aber vielleicht doch nicht? Irgendetwas muss dieses Grab ja an sich haben, dass es Euch so anzieht." Die junge Jägerin sah den Hobbit verwirrt an. Darafu hatte sie keine Antwort. Vielleicht hatte er ja wirklich Recht? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden...
Einige Tage war es her, dass sie den Zettel an Arthur's Wagen befestigt hatte. "Begleiter gesucht" stand darauf, "um das alte Hügelgrab 'Othrongroth' zu erkunden." Darunter stand, wo man sich melden sollte und Bajola unterschrieb den Zettel mit einem kurzen "B.C.". Viele hatten ihn gelesen. Selbst nachdem der Regen die Schrift verschmiert hatte, standen gelegentlich Abenteurer vor diesem Zettel - aber nicht einer sprach Arthur darauf an. Alle schüttelten nur den Kopf. "Othrongroth? Niemals!" oder "IN ein Hügelgrab? Ich bin froh, wenn ich nichtmal in die Nähe von einem komme." oder "Pah, die Gier treibt die Grabräuber auch überall rein!" waren typische Aussprüche der sonst so mutigen Elben, Zwerge, Hobbits und Menschen, die an Arthur's Lager vorbeikamen.
Bajola seufzte resignierend. Dann sah sie ihre Sachen durch - Der Bogen war in Ordnung, genügend Pfeile im Köcher und Verpflegung für drei Tage hatte sie auch dabei. Sogar an das Feueröl hatte sie gedacht, und das obwohl sie sonst immer etwas vergaß. Also konnte es losgehen... und so begab es sich, dass die junge Jägerin wieder einmal allein in den Alten Wald zog, einzig von ihrem Bogen und einer Handvoll Pfeile begleitet.
Es war irgendwie seltsam, doch der Alte Wald hatte eine unwahrscheinliche Anziehungskraft auf Bajola. Hier, zwischen all den Gefahren, den lebenden Bäumen und hungrigen Wildtieren, hier fühlte sie sich auf eine sonderbare Art geborgen. Keine Räuber weit und breit, keine Orks und keine Bilwisse - nur der Wald, die Natur und sie. Naja, und ein Hauch von Zauberei. Nur gut, dass Bajola nicht an Zauberei glaubte. Alles, was geschah, jedes noch so beeindruckende Phänomen, jeder Hokus-Pokus hatte eine mit purer Logik erklärbare Ursache. Und genau diese Ursachen zu finden war es, was sie faszinierte. Vielleicht wollte sie deswegen unbedingt in dieses Hügelgrab und ließ dabei alle gutgemeinten Warnungen ausser Acht, übersah die unwahrscheinliche Gefahr, in die sie sich begab. Die Neugier vermag es noch öfter, jemanden erblinden zu lassen, als die Liebe es je schaffen könnte.
So striff sie also durch den Alten Wald, verfolgt von dem ewigen Gejaule der Wölfe, die auf der Suche nach ihrem Abendessen nicht einmal davor zurückschreckten, einen ausgewachsenen Bären anzugreifen. Als sie durch den Teil des Waldes, den man Zornwald nennt, kam, hielt sie einen Moment inne. Um sie herum erhob sich ein mächtiges Knacken und Knarzen und zwei große Eichen zogen langsam ihre Wurzeln aus der Erde. Ein beeindruckendes wie bedrohliches Schauspiel. Nach einer Sekunde des Verharrens realisierte sie die Gefahr, die trotz der Faszination auf sie zukam und lief schnell weiter. Nach kurzer Zeit jedoch merkte sie, dass ihr Schritt sich stark verlangsamt hatte, ja, dass sie im Begriff war, stehenzubleiben. Dann nahm sie den Gesang wahr.
Leise war er und wunderschön. Bajola hatte ihn wohl schon eine ganze Weile gehört, aber erst jetzt nahm sie ihn wirklich bewusst wahr. Das musste der alte Weidenmann sein, vor dem Tom sie gewarnt hatte. "Er singt dich in den Schlaf und ertränkt dich", hatte er gesagt. Und tatsächlich - sie sah diesen riesigen Baum vor sich, der sanft die Blätter im Wind zittern ließ und mit den Ästen wackelte, beinahe hypnotisch. Ihre Lider wurden langsam schwer und ihre Beine wollten einfach nicht mehr von der Stelle weichen, als ein grelles "Heda!" sie unsanft aus der Trance riss. "Hör' ihm nicht zu, sonst schläfst du im Nu!" trällerte Tom, während er mit einem Holzeimer etwas Wasser aus dem Bach schöpfte.
Gemeinsam gingen sie zu Tom's Haus. Das heißt sie ging und Tom tänzelte fröhlich um sie herum. "Dieser alte, verrückte Kauz," dachte sie, "immer gute Laune." In seiner Gegenwart konnte man wirklich nicht Miesepetrig sein, das ließ seine Fröhlichkeit, die locker für acht Mann gereicht hätte, garnicht zu. Und doch, trotz seines überschwenglichen Optimismus, warnte auch Tom sie eindringlich davor, allein nach Othrongroth zu reisen. Und überhaupt - seine Gastfreundschaft bestand darauf, dass sie sich vor einer solchen Unternehmung ausgiebig bei ihm stärken musste.
In Tom's Haus roch es recht unangenehm. Der beißende Duft von ein paar gärenden Früchten vermischte sich mit den Sporen eines sich schnell ausbreitenden Schimmelpilzes und wurde verfeinert von Tom's lange nicht mehr gewechselten Socken, als er seine Stiefel auszog, um damit eine Kakerlake zu erschlagen. Bajola's gesunder Appetit, der sie vor wenigen Minuten noch beinahe dazu gebracht hatte, ihre erste Ration zu verbrauchen, war wie weggeblasen. Nur gut, dass Tom so vergesslich war. Als er in der Küche war, zog sie einen der dreckigen Teller zu sich, ließ die Essensreste davon auf den Stapel des schmutzigen Geschirrs kullern und stellte ihn vor sich auf den Tisch. Als er wiederkam sah er sie etwas verwirrt an. "Hat gut geschmeckt, danke, Tom." sagte sie und rieb sich über den Bauch. "Aber langsam muss ich los, ich möchte vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein."
Sie zogen los. Tom führte sie einen langen, von Moos und Ästen bedeckten Weg entlang. Die Bäume waren so dicht gewachsen, dass kaum ein Sonnenstrahl den schmalen Pfad traf, es gab auch keine Blumen oder Unkraut hier, nur ein paar Pilze hatten diesen Ort zum wachsen auserwählt. Tom tänzelte unablässig vor iher her und trällerte seine Liedchen, gelegentlich warnte er sie vor einer Stolperwurzel, wie er sie nannte, ansonsten redeten sie kaum miteinander. Nie im Leben hätte sie diesen Weg gefunden - und würde Tom sie nicht führen, wüsste sie auch nicht, wo er denn nun weiterging; und das obwohl sie sonst in der Wildnis einen hervorragenden Orientierungssinn hatte. Aber es gab ja auch nichts, woran sie sich orientieren konnte - keine Spuren, keine Pflanzen, nicht einmal den Himmel und die Sterne oder die Sonne konnte sie hier sehen. Alles sah gleich aus, bedrohlich und duster. Selbst die Pilze, die sie kannte, waren allesamt giftig; und die hundert verschiedenen, die sie nicht kannte, vermutlich auch.
Nach einer ziemlich langen Wanderung wurde der Boden hart und steinig. Obwohl sie den Wald verließen und die Sonne bis zu ihnen hinunterdrang, war es nicht minder duster und bedrohlich. Nicht länger waren es Bäume, die das lebensspendende Licht verhangen, es war der Tod selbst. Ein grauer Schleier durchzog die Luft und erfüllte sie mit einem modrigen Geschmack, der innerhalb weniger Augenblicke den gesamten Körper erfüllt hatte. Hier waren Tote begraben, jede Menge Tote... und wahrscheinlich hielten die sich nicht nur unter der Erde auf. Der Geruch erinnerte sie an das Zimmer, in dem ihre totkranke Mutter damals die letzten Atemzüge tat - es roch nach Krankheit, Elend und Verderben, nur roch es hier hundertmal intensiver. Nichts um sie herum hatte mehr etwas mit dem lebendigen Grün des Waldes gemein, nichts wuchs hier, nichts atmete. Das Gras, das aus dem Boden stach, war brüchig und trocken, kein Windzug war zu spüren. Ein Unwohlsein stieg in ihr auf, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Es erfüllte ihren Magen mit Übelkeit und ließ sie keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Dann endlich kamen sie am Eingang zu dem Hügelgrab an. Othrongroth - da war es also. Der Gestank schien von diesem steinernen Eingang auszugehen, er war hier unerträglicher als je zuvor. Bajola spürte die Finsternis, die ihr aus dem Grab entgegenkroch. Sie war frohen Mutes aufgebrochen, doch hier, an diesem unheiligen Ort, ergriff sie die Furcht. Sie sollte nicht hier sein, Tom sollte nicht hier sein... Niemand sollte hier sein, das gab ihr schon der Eingang des Grabes zu verstehen. Und doch lag etwas faszinierendes in der Luft, eine leise Stimme, die sie unnachgiebig zu sich rief. Sie bemerkte, dass sie am ganzen Körper zitterte, doch das war ihr völlig egal. Langsam bewegte sie sich in Richtung des Grabeingangs, noch unschlüssig, ob sie hineinginge oder nicht. Sie hatte keine Wahl.
Und sie hatte doch etwas vergessen. Als Tom sah, wie sie sich dem Eingang näherte, hielt er sie einen Moment auf, entzündete eine Fackel und gab sie ihr. Bajola nahm die Fackel zwar, bewegte sich aber wie im Traum einfach weiter, den Blick nicht von der Schwärze der Grabkammer wenden könnend. Es kam ihr vor, als wäre nichts von alledem, was hier gerade geschah, real, als wäre sie nur eine Zuschauerin ihrer eigenen Handlungen, ihrer eigenen Geschichte.
Der Eingang wurde von einem mächtigen Spinnennetz versperrt. Als sie es mit der Fackel zur Seite aufreißen wollte, ging es für einen kurzen Augenblick lichterloh in Flammen auf und verlöschte sogleich wieder. So betrat sie das Grab, vor dem sie jedermann gewarnt hatte, unwissend, ob sie es je wieder verlassen würde. Das vielleicht verfluchteste Grab der Hügelgräber.
Ein steinerner Raum empfing sie, gesäumt mit Spinnenweben und einem mit einer Handbreiten Staubschicht bedeckten Fußboden. Auf dem Boden und selbst in die Wände eingelassen - überall waren Totenschädel. Der Gestank hatte überraschenderweise ein wenig nachgelassen, dafür wirbelte jede noch so kleine Bewegung Massen von Staub um sie herum auf, die im Schein der Fackel einen verhöhnenden Tanz aufzuführen schienen. Auf einem steinernen Stuhl saß ein Skelett, ein anderes hang eingewickelt an der Wand. Sie waren wohl die letzten Toten, die in diese Grabkammer gebracht wurden - zu unheimlich war den Männern der Gang tiefer in die Kammer gewesen, die sie gebracht hatten. Vielleicht waren sie auch selbst hierher gegangen, als mit einer ansteckenden, tödlichen Krankheit befallene Männer und Frauen, gehetzt von ihren Nachbarn und Freunden. Vielleicht waren sogar Kinder dabei gewesen... Diese Gedanken fühlten sich an, als hätte Bajola jemand mit Wucht in den Magen geschlagen und sie übergab sich.
An jeder Ecke lagen Skelette rum, einige noch als ganzer Körper erkennbar, andere nur zum Teil oder als einzelne Knochen. Hier und da hang ein Skelett von Spinnenfäden umwickelt an der Wand oder der niedrigen Decke. Fürchterliche Szenen mussten sich hier einst abgespielt haben. Ihr ganzer Körper begann zu kribbeln, als wenn überall Spinnen an ihr herumkrabbelten. Aber es gab nun kein Zurück mehr, das wusste sie, selbst wenn sie sich einredete, jederzeit umkehren zu können. Das Grab hatte sie bereits fest in seinen Bann gezogen.
Langsam ging sie weiter, eine wirbelnde Staubwolke hinter sich herziehend. Ein bedrängendes Gefühl kam in ihr auf, es kam ihr vor als würden die Totenschädel sie aus ihren schwarzen Augenhöhlen anstarren und jeden ihrer Schritte genauestens verfolgen. Auch sah es so aus als wären sie keinesfalls zufällig angeordnet - zu oft war es, als starrten sie stur auf einen mit Ornamenten und Schriftzeichen verzierten Stein oder einen steinernen Kelch, wie wenn sie jeden Eindringling darauf hinweisen wollten. Bajola sah sich alles an, gab sich aber Mühe, nichts zu berühren. Selbst wenn sie keinen klaren Gedanken fassen konnte, so war es ihrem Instinkt, ihrem Überlebenstrieb zuzuschreiben, dass sie hinter jedem Stein eine tödliche Falle oder das schlimmste Gift vermutete.
Grausame, steinerne Fratzen mit Hörnern und lang ausgestreckten Zungen zierten die Wände, die wahrscheinlich jeden anderen davor bewahrt hätten, weiterzugehen. Eingerissene Steinwände offenbarten Räume, in denen wiederum Gebeine von Toten lagen oder aufgebahrt waren - einige machten den Eindruck als wären sie zu Tode gequält worden. Ein kalter Schauer lief Bajola den Rücken herunter, aber so wirklich nahm sie das nicht wahr, stattdessen ging sie weiter und zuckte zusammen, als unter ihrem Fuß ein Schädel mit lautem Knacken zerbarst. Regungslos wartete sie, bis das Echo verhallt war und noch einen Moment länger, aber nichts rührte sich. Lediglich die Spinnenweben rund um sie herum wehten beinahe unmerklich im Luftzug ihrer Bewegungen.
Das Grab schien sie verschlucken zu wollen. Der Gang war schmal und führte sie immer tiefer unter die Erde, ohne einen anderen Weg zuzulassen. Wie Wachleute waren Skelette rechts und links an Durchgängen aufgehängt worden, noch mit Helm und Lendenschurtz bekleidet. Als der Gang zuende war, stand sie vor einem mit Holzbalken zugefallenen Durchgang. Ein Stein, der größer war als sie selbst, zeigte ein Ornament, das einen Mann darstellte - oder etwas ähnliches. Es sah böse aus, abgrundtief böse, und just in dem Moment als Bajola es betrachtete, hörte sie überall um sich herum ein Huschen, gepaart mit leisem Klackern und einem Geräusch wie ein Windzug. Etwas bewegte sich hier, etwas... lebte!
Der Gang wurde nach rechts fortgeführt. Ob sich dieser Weg eben erst geöffnet oder ob sie ihn bloß übersehen hatte, vermochte sie nicht zu sagen. An den Wänden sah sie eingemeißelte Bilder von furchteinflößenden Skeletten mit spitzen Zähnen, Helmen und Waffen, die darauf warteten, sich aus dem Stein zu lösen und sie... sie wagte diesen Gedanken nicht zuende zu führen. Aus der Furcht war Angst geworden, panische Angst, dennoch folgte sie dem Gang immer tiefer in das Hügelgrab. Mittlerweile hatte sie verstanden, warum so viele Leute glaubten, es sei verflucht - trotzdem musste es eine logische Erklärung für all das hier geben. Nur dieser eine Gedanke, den sie so vehement festhielt, verhinderte, dass sie in Panik ausbrach und die Kontrolle über sich selbst verlor. "Es muss eine logische Erklärung für all das hier geben!"
An großen Ösen hangen lange Stricke von der Decke. Sie stolperte über einen, der vollständig vom Staub verschluckt worden war und erschrak vor den Schädeln, die urplötzlich vor ihr herumbaumelten und mit einem widerlichen Geräusch gegeneinander schlugen. Jetzt erst fiel ihr auf, dass überall Schädel an Seilen von der Decke baumelten. Sehr kleine Schädel. Ihr Atem wurde immer schneller und hektischer, der Boden wurde kniehoch von Nebelschwaden bedeckt. Sie musste nun ganz unten in dem Grab angekommen sein. In den aufgebrochenen Nebenräumen standen prächtige Urnen, mit Gold verziert. Grabräuber hatten diese Wände nicht eingerissen, soviel stand nun fest. Die handgearbeiteten Ornamente auf den goldenen Bechern und Kelchen und die Goldaufsätze auf den Urnen, die stolze Reiter im Kampf zeigten, verrieten ihr, dass es einst Menschen waren, die dieses Grab gebaut und gefüllt hatten.
Es war nicht das erste Grab, das sie erkundete - doch in keinem war sie so sehr mit dem Tod konfrontiert worden wie in diesem. Wo sie hinsah standen Urnen oder lagen Skelette und Totenschädel. Und im Gegensatz zu den anderen Gräbern waren diese Toten zum Großteil nicht aufgebahrt sondern mussten hier gestorben sein, in eine Ecke gekauert, von einem Schwert enthauptet oder schlimmeres. Selbst ohne Gesichter strahlten die Schädel unerträgliche Qualen aus, Angst und Todeskämpfe. Und so sehr sie auch wegsehen wollte betrachtete sie jeden einzelnen ganz genau.
Der Nebel wurde dichter und mehr, er umschloss ihren Körper mittlerweile bis zum Bauch. Sie konnte unmöglich hindurchsehen, würde er noch weiter ansteigen, würde sie sich bald blind vortasten müssen. Dann plötzlich verzog sich der Nebel und eine stolze, hölzerne Tür mit einem monströsen Gesicht darauf stand ihr im Weg. Sie zögerte. Diese Tür machte eines ganz deutlich: Hinter ihr begann das Geheimnis von Othrongroth, hier begann das Grauen erst, das mit jedem Schritt größer wurde. Niemand sollte jemals durch diese Tür gehen und seit sie verschlossen wurde, hat es vermutlich auch niemand gewagt. Sie war aus massivem Holz, beschlagen mit diesem metallenen Gesicht. Sie sah nicht aus, als sei sie verschlossen, die Tür selbst hatte die Sterbenden davon abgehalten, sie zu öffnen und den Fluch zu befreien. Sie hielt den Atem an, als sie die Tür aufzog.
Ein Raum mit einigen Steinpfeilern und Spinnweben befand sich dahinter. Nichts regte sich, wenngleich die Geräusche, die die Gänge durchzogen, etwas anderes vermuten ließen. Aber irgenwas war anders, irgendwas stimmte mit diesem Raum nicht. Einen Moment später erkannte Bajola, was anders war: Es lagen nirgendwo Gebeine oder Totenschädel herum. Stattdessen standen dort vier Schalen, in denen ein scheinbar ewiges Feuer brannte. Langsam betrat sie den Raum, da geschah es. Ein Skelett kam auf sie zu, ein lebender Toter, teilweise noch mit Fleisch bedeckt und griff sie an. "Die Toten lassen sich nicht stören!" schrie er. Bajola stockte der Atem. Einen Augenblick lang stand sie wie versteinert da, dann schrie auch sie und griff instinktiv nach ihrem Bogen. Einen Pfeil nach dem anderen schoss sie auf das unheimliche Wesen, doch wie soll man einen Toten erschießen? Pure Panik ergriff sie. Bald würden ihr die Pfeile ausgehen, als sie zufällig einen Halswirbel des Unholds traf, sein Schädel sich löste und er klappernd zusammenbrach.
"Hör' auf zu schreien! Hör auf zu schreien!" sagte sie in Gedanken zu sich selbst. Nach kurzer Zeit gelang ihr das auch, den Bogen gespannt bis zum Anschlag, in der Erwartung, durch ihr Geschrei einen weiteren Toten erweckt zu haben. Nach einer halben Ewigkeit ließ sie den Bogen sinken und sank völlig ausser Atem zu Boden. Sie lehnte sich an die Tür, versuchte sich zu beruhigen und zwang sich, eines der Brote, die sie mitgenommen hatte, zu essen. Einen Moment lang schloss sie die Augen und der kräftige Geschmack des würzigen Auenländer Käses entführte sie zurück nach Haus, in die großen Wälder, wo sie sich wohl fühlte. Die Erinnerung an das Leben überall im Land, das geschäftige Treiben in Bree und die großartigen Essensrituale der Hobbits, das jaulen der Wölfe und das Zirpen der Grillen, das saftige, grüne Gras auf den Wiesen und Feldern und die wohlige Wärme der Sonne - all diese Erinnerungen, die sie dieser Ort des Todes völlig hatte vergessen lassen, kehrten mit einem Mal zurück und gaben ihr neue Kraft und neuen Mut. Nicht, dass die Panik nachgelassen hätte - ganz im Gegenteil. Aber sie wusste nun wieder, warum sie hier war. Alles um sie herum widersprach dem, was diese Welt so lebenswert machte. Und es entsprang einem Geheimnis, das sie lüften wollte, um es zu vernichten.
Als sie die Augen wieder öffnete, schlug dieser Gedanke mitsamt aller Gefühle schlagartig um. Warum sollte ausgerechnet sie hier hineinspazieren? Warum sollte sie das Geheimnis nicht einfach Geheimnis sein lassen und sich weit weit weg ihres Lebens erfreuen? Warum sollte sie nicht einfach weiter das tun, was Menschen nunmal tun - jagen, sammeln, essen und vor allem leben? Aber was war es, was da so nach ihr rief? Sie spürte die Stimme wieder. Etwas zerrte an ihr, redete unentwegt auf ihre Gedanken ein und wollte sie überreden... nein, es befahl ihr, weiterzugehen. Das Grab sog sie in sich hinein, keinen Widerstand zulassend, immer tiefer und alle Gefahren ignorierend. Sie wollte gerade aufstehen, als tatsächlich etwas an ihr zerrte. Eine riesige Spinne war im Begriff, in ihr Bein zu beißen und sie zu vergiften. Der Schmerz war unbeschreiblich, stechend und pochend zugleich und in einem Reflex stach Bajola mit einem Pfeil auf die Spinne ein, bis diese sich auf dem Rücken zusammenkrümmte und nach einem leisen Zischen keine Regung mehr erkennen ließ.
Sie stand auf. Ihr Bein schmerzte und ließ sie jeden ihrer rasenden Herzschläge spüren. Sie schnitt mit einer Pfeilspitze das Hosenbein ein und riss es mit einem Ruck ab, darunter kam ein großer, anschwellender, dunkelblauer Fleck zum Vorschein, der sich schnell ausbreitete. Mit dem Hosenbein schnürte sie ihren Oberschenkel ab und humpelte vorsichtig weiter, nun musste sie sich beeilen, bevor das Gift der Spinne sie lähmte. Es war nicht ihr erster Spinnenbiss, allerdings schmerzte er wie kein anderer zuvor. So schnell sie konnte sammelte sie ihre Pfeile wieder ein.
Durch die Decke stießen schwarze Wurzeln von toten Bäumen, die aussahen wie versteinerte Blitze. Der schmale Gang, der aus dem Raum herausführte, verlief noch ein Stück tiefer in die Erde hinein. Nach zwei Schritten glaubte sie ihren Augen nicht mehr trauen zu können, vielleicht waren sie vom Gift vernebelt, denn es kam ein weiterer Untoter auf sie zu - ohne Kopf und mit nur einem Arm; der andere folgte ihm kriechend. Ihre Gedanken überschlugen sich. Es mochte Einbildung sein, ein grausamer Spaß ihres Körpers, der gegen das schädliche Gift protestierte, aber besser sie verschoss zwei, drei Pfeile umsonst als dass sie ihr Leben verspielte, sollten es doch keine Einbildungen sein. Der erste Pfeil traf den kriechenden Arm und nagelte ihn am Boden fest. Dann schoss sie auf den Körper, der schlurfend auf sie zukam. In die Schulter, die Brust, die Beine... es mussten zehn Pfeile gewesen sein, bis er endlich umfiel. Doch zog er sich mit seiner Hand weiter, bis Bajola auch diese mit einem gezielten Schuss am Boden fixierte. Ihr wurde schummerig vor Augen und für einen Moment verlor sie das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.
Ein Poltern war zu hören und etwas, das wie dumpfe Trommelschläge klang. Sie atmete tief durch. Der Gestank brannte in der Nase, im Hals und in der Lunge, der widerlich pilzige Geschmack im Mund verdrängte bereits jede Erinnerung an das Käsebrot. Ächzend stand sie auf und taumelte den Gang hinunter, sich an den Wänden abstützend. Ein weiterer Raum empfing sie, in dem sie wieder von Totenschädeln angestarrt und bis zu den Knien von Nebelschwaden umwabert wurde. Auch hier standen brennende Schalen. Sie achtete nur noch oberflächlich auf das, was in die Wände gemeißelt war, ihre Umgebung verschwamm zunehmend vor ihren Augen. Eine weitere Tür mit einem dieser grausigen Gesichter stand ihr bevor. Sie lehnte sich daran und dachte einen Augenblick nach. Konnte es noch schlimmer kommen? Als sie das letzte Mal eine solche Tür geöffnet hatte, war sie von lebenden Toten angegriffen und von einer Riesenspinne gebissen worden - ihre Verteidigung war nicht mehr die Beste und ob sie noch zielen könnte... da war sie sich auch nicht mehr so sicher. Ihr Bein kribbelte und sie drohte, die Macht darüber zu verlieren.
Lange dachte sie nicht nach, da flogen neben ihr Gesteinsbrocken durch die Gegend und zwei Gerippe erhoben sich aus dem Boden. Sofort zog sie einen Pfeil und schoss, traf das erste Gerippe am Hals, woraufhin es klappernd zusammenfiel. Der zweite Tote schlug nach ihr und traf sie in Bauchhöhe. Blut quoll unter ihrem Lederhemd hervor, aber das war jetzt nicht wichtig. Sie trat nach dem Unhold, er wankte ein paar Meter zurück und wurde von einem ihrer Pfeile getroffen. Der zweite schlug ihm ebenfalls den Schädel vom Körper. Sie war überrascht, wie gut sie noch zielen konnte. Prompt öffnete sich die Tür und zwei weitere Halbverweste kamen hindurch. Bajola spürte plötzlich einen brennenden Schmerz, der ihren gesamten Körper durchfuhr. Sie lief taumelnd so schnell sie konnte ein paar Meter zurück und schoss die beiden Gestalten nieder, die auf sie zuschlurften. Dann ließ sie den Bogen fallen, sackte zu Boden und drückte mit aller übriggebliebenen Kraft auf die Wunde, um die Blutung etwas aufzuhalten. Einen Wimpernschlag später verlor sie das Bewusstsein.
Sie vermochte nicht einmal zu schätzen, wie lange sie hier gelegen hatte. Ihre Fackel war ausgebrannt, aber hier unten standen ja sowieso überall lichtspendende Feuer in Schalen. Sie rappelte sich auf. Weitergehen? Nein, das konnte und wollte sie nicht... aber sie hatte keine Wahl. Jetzt noch weniger als zuvor, die geheimnisvolle Kraft, die sie schon vor Betreten des Grabes angezogen hatte, war hier unten stärker denn je und so quälte sie sich noch tiefer hinein und fühlte sich dabei lebendiger als es jemals in ihrem jungen Leben der Fall war. Schmerzen ließen sie das Leben spüren - das war eine Lektion, die sie niemals vergessen würde.
So wenig sie auch auf ihre Umgebung achtete, fiel ihr doch auf, dass seit langem keine Schätze und Urnen mehr zu sehen waren. Nurnoch Spinnweben, Nebel und trostlose Wände. Das war äusserst ungewöhnlich, normalerweise wurden die Schätze möglichst tief in die Grabkammern getragen, um sie vor Räubern zu schützen. Aber in Othrongroth waren sie beinahe schon am Eingang zu finden gewesen.
Sie folgte dem Gang, bis sie zu einem großen Raum mit einer alten, ziemlich zerfallenen Holztreppe kam. Sie ging die Treppe hinab, der Raum war leer. Als sie den Boden betrat, kamen wieder zwei Skelette auf sie zu, die sie mittlerweile beinahe routiniert zur Strecke brachte. Dann sah sie sich um. An einer Wand war ein auffälliges Gesicht eingemeißelt, in dessen Mund eine goldene Platte prangte, die einen Drachen zeigte. Als sie ihn sich genauer ansehen wollte, wurde ihr schwindelig. Sie erinnerte sich an den Spinnenbiss und taumelte weiter durch die offene Tür, hinein in den nächsten Gang. Sie wehrte sich nicht mehr gegen die Macht, die sie zu sich zog, sie ging einfach weiter. Ihr fehlte die Zeit, sich zu wehren.
Wieder führte der Gang sie weiter nach unten, tiefer in das Reich der Toten. Urplötzlich war der Gestank wieder da, dieser muffige, beißende Geruch von Leid und Elend, von Krankheit und Verderben. Er war so stark, dass er ihr für einen Augenblick die Sinne vernebelte und sie beinahe das Gleichgewicht verlor. Am Ende des Ganges war ein Raum, der letzte Raum, wie sie vermutete - und in seiner Mitte ein Thron. Darauf saß einer der lebenden Toten... nein, nicht irgendeiner. Es musste der Herr über die lebenden Toten sein, so mächtig sah er aus. Bajola spürte das Böse, das von ihm ausging, das sich in Nebelschwaden um ihn herum ausbreitete und sich in jede Pore, durch jede Ritze, selbst durch die Steine hindurch in die Erde quetschte. Er war es, der die Toten zum Leben erweckte. Er war es, der sie gerufen hatte - und er wartete bereits auf sie.
Bajola stand wie versteinert da. Wie von allein begannen ihre Beine, sich langsam vorwärts zu bewegen. Der Schmerz war verschwunden, die Angst verblasst, sie spürte nichts mehr als die Faszination und die Anziehungskraft, die von ihm ausging. Als er sie sah, stand er auf. Er war größer als es den Anschein hatte. "Ich..." stammelte Bajola. "Ich weiß, wer du bist." antwortete der Herr der Toten. Seine Stimme klang unwirklich, als würde sie nicht von ihm, sondern von dem Raum um ihn herum kommen. "Es ist Zeit, den Tod zu empfangen." Sie stand nun direkt vor ihm, machtlos, irgendetwas zu unternehmen. Er streckte langsam seine Hand aus und stockte. Ein Pfeil surrte an Bajola's Ohr vorbei, erst links, dann rechts, und immer mehr. Unerwartet verließ sie ihre Kraft und sie sackte zu Boden, so wie auch ihr Gegenüber, durchbohrt von Pfeilen.
"Alles in Ordnung?" - "Kommt, wir bringen Euch hier raus." Die beiden Männer hoben Bajola vorsichtig auf und stützten sie. "Wer... wer seid... ihr?" fragte sie mit schwacher Stimme. Sie konnte sie kaum wahrnehmen, kaum sehen oder verstehen. "Ich bin Taronidas und das ist Bragur", antwortete einer der beiden. "Wir wollten Euch begleiten, aber Tom meinte, Ihr wäret schon losgezogen... alleine." - "Ihr seid völlig verrückt, wisst Ihr das? Aber auch mutig, das muss man Euch lassen." Bajola lächelte. "Ich konnte..." setzte sie zu einer Antwort an. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Fin.
(Diese Geschichte erzählt von der Gefährtensuche und dem Besuch einer Instanz im Online-Rollenspiel "Der Herr der Ringe: Online")