Mein Storybook.
Sie treffen sich in einem Wald

6 June 2011 um 21:54 in Geschichten | Kommentare: [ 0 ] | Kommentieren

Diese Geschichte ist durch das folgende Foren-Zitat inspiriert worden:

Original von Vetaro:
Noch Langweiliger gehts eigentlich nur noch mit "Sie treffen sich in einem Wald"





Sie treffen sich in einem Wald. Noch wissen sie nicht, dass sie ziemlich genau aufeinander zulaufen. Als sie den oberen Chetwald von Westen her betritt, eigentlich mit dem Ziel, ihn zu durchqueren, hat sie keine Ahnung, dass er am östlichen Rand in den Wald eindringt.

Ein ganz schönes Stückchen hatte sie schon hinter sich gebracht, immerhin von Bree bis zum Chetwald. Seit sie denken kann, lebt sie dort mit ihren Eltern in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Haus. Ihre Familie war nichts besonderes, einfache, hart arbeitende Leute, die seit Generationen Fässer für Wein und Bier herstellten, weswegen sie von allen nur die "Fassmachers" genannt wurden. Achona, die gerade den Chetwald betritt, ist das ältere der zwei Fassmacher-Kinder, ihr Bruder Tobaios ist mit seinen 23 Jahren ganze 6 Jahre jünger als sie.

Fässer binden war jedoch nicht gerade das, was Achona besonders lag oder was sie als 'Erfüllung ihres Schicksals' ansah, also arbeitete sie nebenher (und sehr zum Missfallen ihrer Eltern) auf eigene Faust für verschiedenste Auftraggeber. Ihre Gewandtheit, ihr unscheinbares Auftreten und ihre Fähigkeit, sich muxmäuschenstill zu bewegen, ließen sie schnell zu einer angesehenen wenn auch wenig bekannten Schnüfflerin werden. Glaubte die Ehefrau, ihr Mann würde sie betrügen - Achona konnte es herausfinden und sogar die Liebesbriefe entwenden, falls gewünscht. War Gerstenmann Butterblume der Überzeugung, dass sein Kellner Eded sich heimlich aus der Kneipenkasse bediente oder wurde einem Mütterchen etwas gestohlen, das nun zurückstibizt werden musste? All das waren Dinge, mit denen Achona ihren Geldbeutel aufbesserte; unter der Bedingung, dass sie selbst es moralisch vertreten konnte. Und als kleine Beigabe trainierte einer ihrer Auftraggeber, ein Waffenschmied und Meister im Umgang mit den Klingen, sie kostenlos im Dolchkampf - natürlich ohne dass ihre Eltern oder ihr Bruder davon Wind bekamen.

Gelegenheit macht Diebe heißt es so schön, aber bekommt ein Dieb einmal die Gelegenheit, wird er schnell übermütig. So ging es auch Achona an jenem verhängnisvollen Tag, als der alte, in einen dunklen Mantel gehüllte Mann sie ansprach. Eigentlich klang alles ganz einfach: Einen wichtigen Brief aus der Tasche eines Hauptmanns stehlen, ohne viel Trara und Aufregung. Er sollte wichtige Befehle und Orte von zukünftigen Stützpunkten enthalten, der Brief, und sein Diebstahl könnte einen brutalen Krieg verhindern. Zwar handelte es sich bei dem Hauptmann um einen Halbork, aber Hauptmänner sind ja im Generellen eher von der langsamen Sorte - dachte Achona jedenfalls und nahm den Auftrag an, nicht zuletzt wegen dem Beutel voll Silber, der ihr für die Erfüllung des Auftrags winkte. Und so schlich sie wenige Tage später im Schutze der Dämmerung um jenes Orklager nahe des Nen Harn und hielt Ausschau nach einem Brief.

Ihr Herz raste. Noch nie war sie in solch einer Lage gewesen, nahe eines Orklagers voller blutrünstiger, grunzender Monster. Sie konnte es selbst nicht fassen, dass sie im Begriff war, eines dieser Tiere zu bestehlen. Hätte sie nur vorher gewusst, in welche Gefahr sie sich begeben müsste - sie hätte mit Freuden abgelehnt. In ein Haus einbrechen und einen Hauptmann um seine Familienerbstücke bringen... ja, das konnte sie, darin war sie wirklich gut. Aber das hier war etwas völlig anderes. Keine Häuser, keine schützenden Mauern oder Verstecke. Dummerweise war es nun zu spät, um abzubrechen, denn der alte Mann hatte bereits die Hälfte bezahlt und sie könnte es unmöglich zurückzahlen. Einen Dolch hatte sie davon anfertigen lassen, ihren ersten eigenen Dolch, den sie dicht an ihrem Bein trug. Dann sah sie ihn: Einen Halbork-Hauptmann mit einem zerknitterten Brief in der verformten Hand.

Sie beobachtete ihn. Lange. Beobachtete jede seiner Bewegungen, jeden seiner Wege und wartete ab. Er ging von einem Zelt zum nächsten, gab seinen Untergebenen Befehle und sah gelegentlich auf den Brief in seiner Hand. Es dauerte nicht lange, bis Achona erkannte, dass darauf eine Liste geschrieben war - in Orkschrift zwar, sie konnte also kein Wort entziffern, aber eine Liste entsprach ja dem, was sie suchte. Immer wieder stapfte der Halbork durch das Lager, bis er sich endlich etwas von den anderen entfernte. Es war bereits duster, der Mond stand hoch am Himmel und war abgesehen von den Fackeln des Lagers die einzige Lichtquelle. Der Hauptmann ging weiter, bis der Schein der Fackeln ihn kaum mehr berührten, legte den Brief auf einen größeren Stein und öffnete seine Hose. Achona schlich sich leise an, so leise sie nur konnte und hielt den Atem an. Sie stand nun genau hinter ihm, der Brief direkt vor ihrer Nase, und als es anfing zu plätschern griff sie zu. Als sie den Brief nahm, raschelte es beinahe unhörbar, doch der Halbork drehte sich mit einem grunzenden Ruck um und stieß sie dabei an. Er brüllte, außer sich vor Wut bei soviel Dreistigkeit. "Chruzrrhu!" Wie konnte sie es wagen, ihn zu bestehlen! Mit einer Hand hielt er seine Hose fest, mit der anderen griff er nach seinem Schwert, holte aus und ließ es surrend durch die Luft fliegen. Achona jedoch, die mit eben dieser Situation rechnen konnte, war ihm einen winzigen Schritt voraus, duckte sich unter seinem Schwerthieb hindurch und schlug ihrerseits mit ihrem Dolch so kräftig sie konnte nach der Waffenhand des Orks. Sie traf ihn. Er schrie ohrenbetäubend und ließ sein Schwert auf den Boden fallen, mitsamt zwei seiner Finger. Blut spritzte Achona in's Gesicht und sie rannte los, so schnell sie ihre Beine trugen, immer in Richtung der Breefelder. Ein paar Fackeln folgten ihr noch, doch wurden die Schreie und das Gebrüll des Hauptmanns schnell leiser.



Razlort wurde von klein auf beigebracht zu kämpfen. Sein erstes und einziges Spielzeug war ein Schwert, das er Anfangs nicht einmal hochheben konnte. Wer seine Eltern waren, wusste er nicht, genausowenig wie er über seine Herkunft etwas wusste. Allerdings interessierte ihn das auch nicht. Er war ein Bestandteil seiner Sippe und zog mit ihr durch die Lande, auf der Suche nach Krieg und zu erobernden Ländern, nach Beute und Schätzen und natürlich nach Ehre. Ehre konnte man in seiner Sippe auf zwei Arten empfangen: Entweder, man tötete genügend Elben, Zwerge oder Menschen, oder man legte sich mit dem Anführer selbst an und schlug ihm beizeiten den Kopf von den Schultern.

In der ersteren Disziplin, genauer im abschlachten von Menschen, war Razlort nach kurzer Zeit sehr erfolgreich und schon in jungen Jahren erfahrener als viele der älteren Mitsipplinge. Aber nicht nur unter den Feinden, sondern auch in den eigenen Reihen galt er als äusserst skrupellos und brutal, was ihn schnell zu einer Führungsperson werden ließ. Und der Anführer... nunja, der dürfte auch nicht mehr lange auf sich warten lassen - vielleicht würde er diesen Platz noch an jenem Abend sein Eigen nennen. Es wäre nicht der erste Ork, den er von oben bis unten aufschlitzte um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Es war ein anstrengender Tag gewesen. Diese neuen Rekruten würden hier wohl nicht lange überleben und diese ganzen Vorbereitungen, die auf der Liste standen, die er vom Oberhauptmann bekommen hatte, waren kaum in der gegebenen Zeit zu erfüllen. Besonders nicht, wenn sich diese madenfressenden Schleimsäcke weiter so dämlich anstellten. Aber nun endlich war sein Dienst vorbei. Der letzte Befehl wurde eben gegeben, die letzte Ohrfeige und der letzte Tritt verteilt, es wurde Zeit für etwas zu Essen und zu Trinken. Woher nur dieser Menschengeruch kam, den er schon den ganzen Abend in der Nase hatte? Ein Stück weit verließ er das Lager, bis zum großen Pinkelstein, legte den Brief ab und öffnete die Hose. Als er seinen Bedürfnissen freien Lauf lassen wollte, hörte er plötzlich ein Rascheln, direkt hinter sich. Er schrak herum und stellte sich in ständiger Erwartung des Oberbefhelshabers Ranggemäß vor. "Hauptmann Razlort!" rief er (was für einen Menschen wie "Chruzrrhu" klingt) und stutzte nur einen Moment, als er die Menschenfrau vor sich sah. Wie um alles in der Welt war sie so schnell und so unbemerkt... er zog sein Schwert, holte aus und schlug nach ihrem Kopf. Einen Augenblick später spürte er einen brennenden Schmerz in der Hand, sah, wie das Schwert zu Boden fiel und Blut aus seiner nunmehr halben Hand spritzte. Er brüllte vor Wut. Doch ehe er wieder zur Besinnung kam, war diese Menschenfrau schon recht weit entfernt und ein paar Orks liefen aus dem Lager mit Fackeln hinter ihr her. "Bringt sie mir lebendig!" schrie er ihnen nach und machte sich in's Lager, um seine Hand zu verbinden.

 Am nächsten Tag musste er dem Oberbefehlshaber von dem Verlust der Liste berichten und dafür eine Menge Hiebe einstecken. Viel schlimmer aber war, dass er sein Schwert kaum mehr halten konnte. Das schrie, nein, das lechzte nach Rache gegen die Menschen und diese eine Frau im Besonderen. Dummerweise gab es nicht genug Kämpfer in dem Lager um Bree anzugreifen und sein Anführer erlaubte auch keinen Kleinangriff. Wenn er sich rächen wollte, so müsste er es auf eigene Faust und ganz allein tun. Nach ein paar Tagen der Stärkung und des Übens, ein Schwert mit drei Fingern zu halten, war es dann soweit. Seit diesem Vorfall hatte kein anderer Gedanke mehr Platz in seinem Kopf, seitdem sah er immer wieder ihr grinsendes, hämisches Gesicht vor Augen. Und so zog er los, in Richtung des Chetwaldes, unsicher, wie es danach weitergehen sollte. Einen Plan hatte er nicht - wer braucht für ein Selbstmordkommando schon einen Plan - aber vielleicht würde er sie finden und sie auf die bestialischte Art, die er kannte, töten. Beobachten und lauern, so wie sie es getan hatte... das konnte er schließlich auch. Er malte sich schon aus, was er alles mit ihr tun würde.




Fräullein Fassmacher traf sich nach ihrer Wiederankunft in Bree mit ihrem Auftraggeber, lieferte den Brief ab und berichtete ihm von dem Vorfall. Er ließ es sich haarklein erzählen und sagte schließlich: "Ihr müsst diesen Halbork töten, wenn er Euch gesehen hat. Diese Kerle können sich Gesichter recht gut merken... und er könnte Euch wiedererkennen." Und weil, wie vielerorts bekannt, Orks sehr viel auf ihre Rache geben, war Achonas nächster Auftrag klar, diesmal in eigener Sache. Sie musste... töten. Das allererste Mal in ihrem Leben sollte sie skrupellos ein Leben beenden. Als ihr das klar wurde, erweichten ihre Knie. Aber so schwer konnte das ja nicht sein, schließlich ist sie ganz nah an ihn rangekommen, hat ihn gar verwundet und bestohlen. Es wäre sicher kein Leichtes, ihm stattdessen die Kehle durchzuschneiden, aber unmöglich auch nicht. Andererseits... er war immerhin ein Halbork und ein Hauptmann, das werden selbst Orks sicherlich nicht mal eben so. Und er war nun vorgewarnt und auf der Hut. Wirklich wohl war ihr dabei ganz und garnicht, trotzdem machte sie sich zwei Tage später auf den Weg zum Chetwald, mit dem Eigenauftrag, einen Halbork namens "Chruzrrhu" zu töten, leicht zu erkennen an seiner halben rechten Hand.

Als sie den Chetwald betritt, wird es düster. Der Tag war an sich schon nicht sonderlich hell gewesen, mittlerweile ist es jedoch Abend und die Blätter der Bäume schützen gut vor dem wenigen Licht, das die Sonne noch spendet. Unter ihren Füßen knackt und raschelt es. Zügig geht sie voran, sie will den Wald möglichst verlassen haben, bevor die Nacht sie am weiterreisen hindert. Ein Bär brummt bedrohlich vor sich hin und auch ein Rudel Wölfe hat sie bereits erblickt. Auf der kleinen Lichtung in der Mitte des Waldes bleibt sie stehen. Etwas bewegt sich hinter den Büschen und Bäumen, die ihr Gegenüber stehen. Da, wieder ein Knacken und ein wackelnder Ast. Dann plötzlich betritt er die Lichtung. Hauptmann Razlort, oder wie sie ihn nannte "Chruzrrhu", sie erkannte ihn sofort. Seine verbundene Hand schnellt zu seinem Schwert, sein Blick weicht keinen Millimeter von ihr und mit einem lauten Brüllen stürmt er auf sie zu. Zeitgleich zieht sie ihren Dolch, lässt den Rucksack einfach zu Boden fallen und rennt, ebenfalls brüllend (oder eher kreischend) auf ihn zu, duckt sich unter seinem ersten Schwerthieb und verfehlt mit dem Dolch, der nur seine Lederrüstung streift. Ein Wimpernschlag lang bleibt ihnen zum Durchatmen, als beide ihre Waffen erneut erheben. Sie trifft seine verletzte Hand mit einem glücklichen Dolchstich (der nur zufällig die Hand traf), woraufhin Razlort sein Schwert fallen lässt und sie schnaubend mit der vollen Wucht seiner gesunden Hand zu Boden schlägt.

 Ihr wird schummerig vor Augen, als er sich auf sie kniet und beginnt, sie einhändig zu würgen. Lange hält sie das nicht aus. Aber töten will er sie nicht... nicht so. Er will sich an ihr rächen, für den Schmach, von einer Menschenfrau verletzt worden zu sein, für die Dreistigkeit, ihn zu beklauen und für sein eigenes Vergnügen. Gleich wird sie bewusstlos. Er hatte das schon oft mit Menschen gemacht, wenn sie erstmal bewusstlos sind, kann man sie gemütlich in's Lager bringen und nach allen Regeln der Kunst zu Tode quälen. Aber nicht die hier... die wird er für sich allein behalten. Widerliche Dinge wird er ihr antun, sie verstümmeln und verletzen, ihr einen langen Weg bis zum Ende bescheren. Er drückt noch etwas fester. Unerwartet spürt er einen stechenden, pochenden Schmerz im Unterleib. Er schaut an sich herab und sieht den Griff ihres Dolchs unter seinem Harnisch hervorluken, genau zwischen dem Brustpanzer und der Hose. Ein dünner Faden dunkles Blut läuft daran entlang und zieht sich tröpfelnd zur Erde. Unwillkürlich lockert Razlot den Griff und sackt nach vorne. Ihm wird schwarz vor Augen.

Achona hat ein paar Wunden davon getragen. Ein paar Narben werden bleiben und mit ihrem rechten Auge, auf das sie Chruzrrhu's Schlag getroffen hatte, wird sie nie wieder sehen können. Aber ansonsten ist sie ohne größere Schwierigkeiten aus der Sache rausgekommen und hat sogar einiges an Gewinn gemacht. Besonders ihre Eltern sehen es als Gewinn an, dass Achona eingesehen hat, dass solche Aufträge viel zu gefährlich sind, und sie sich nun viel mehr um das Fässer binden bemüht. Gut, ein wenig beobachten und stehlen tut sie immer noch, aber bestimmt nicht nochmal bei einem Halbork.


Fin.
 








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