Mein Storybook.
Zwei Blickwinkel

24 February 2009 um 13:58 in Geschichten | Kommentare: [ 0 ] | Kommentieren

oder: Eine kleine Geschichte über Schuld.

Es war einmal, vor garnicht so langer Zeit, ein junger Mann namens Hryko. Er lebte zusammen mit seiner Frau in einem kleinen Häuschen am Rande von Alt-Tarantia, sie war schwanger und die beiden im Begriff, einen kleinen Hof zu gründen. Hühner wollten sie halten und Schweine und natürlich ein kleines Feld mit Raps bestellen. Sie hatten ein wenig Geld gespart, damit Hryko das reiten lernen konnte und um ein Pferd als Pflugtier führen zu können und so ging er jeden abend zu dem örtlichen Pferdezüchter und nahm Reitunterricht. Er war ein alter Freund der Familie, weshalb er Hryko hin und wieder ein Pferd lieh, wenn er darum bat.

Eines schönen Frühlingstags lieh sich Hryko wiedereinmal ein Pferd, eine schwarz gescheckte Stute, um mit seinem Weib einen kleinen Ausritt zu unternehmen. Es war warm, Vogelgezwischer erfüllte die Luft und das Pferd galloppierte stolz durch den Wald in Richtung der Wilden Lande. Die beiden lachten und machten Späße, genossen die frische Frühlingsluft und die bunten Knospen an den Baumkronen und waren für eine zeitlang sorglos und frei. Doch wie das in diesen Momenten immer so ist, geschah etwas unerwartetes, das das Leben der jungen Familie für immer verändern sollte.

Der Wind zog ihnen erfrischend durch die Haare, sie waren recht schnell unterwegs und sahen sie nicht, als sie um die Wegbiegung ritten. Ein junges Mädchen, vielleicht acht oder weniger Sommer alt, kam ihnen unbeschwert entgegen, in der Hand einen Flachskorb mit ein paar gesammelten Pilzen darin. Ihre braunen Haare glänzten an den wenigen Stellen, an der die Sonne sich ihren Weg zwischen den schattenspendenen Blättern her bahnte. Unglücklich lief sie genau dort entlang, wo das Pferd seine Bahn ziehen wollte und geriet ihm unter die Hufe.

In einem einzigen Moment änderte sich die Welt von unbeschwert frei zu bedrückend und düster. Die Sonne schien weiterhin, hatte aber die Bedeutung für Hryko und seine Frau verloren. Das hübsche Bild der bunten Blüten wurde überdeckt, ja dominiert von dem jungen Mädchen, das nun reglos am Boden lag, die Pilze wie eine Markierung um es herum liegend. Ein dünner Rinnsal roten, strahlend roten Blutes suchte seinen Weg zwischen dem Staub, dem Dreck und den kleinen Ästen, bis er schließlich versiegte. Das Zwitschern der Vögel und das Zirpen der Grillen, das Surren der Bienen und Mücken, all das klang nicht mehr wie ein schöner Frühlingstag, es klang nun wie eine Anklage, eine Anklage auf Hryko und seine Frau, auf das Mädchen, das ausgerechnet dort langlaufen musste.

Er hielt das Mädchen in seinen Armen, während er ritt. Schneller, immer schneller, in der Hoffnung dass ihnen nicht noch jemand entgegen kam, erwarteten sie nach jedem Baum eine Hütte, ein Zelt, ein Lager, irgendwas, wo sie Hilfe fänden. Aber es gab nichts. Bäume, ja, und Sträucher, das eine oder andere wilde Tier oder eine Lichtung, bewachsen mit saftiggrünem Gras und weichem Moos, aber keine Hilfe. Hryko hätte nicht sagen können, wie lange sie so geritten waren, als sie endlich an einem Jagdhaus ankamen. Es spielte auch keine Rolle mehr, das Mädchen war bereits in seinen Armen gestorben, es hatte seine letzten Minuten in den Armen eines Fremden, fern ab seiner Familie, verbracht, mit Blut in dem sonst so makellosen Haar und einem kleinen, klebrigen Blatt auf der Stirn. Hryko brach zusammen, als er erfuhr, dass er ein Kind getötet hatte, er wusste nicht, wie er mit dieser Schuld leben sollte, obgleich ihm seine Frau gut zuredete und ihn versuchte zu beruhigen, es wäre ein Unfall gewesen, wenngleich ein tragischer.



Kantal schossen die Tränen in die Augen, als der Wachmann vor ihm stand. Es war anders als sonst, diesmal war nicht die Sonne dafür verantwortlich, weil sie ihn blendete, diesmal waren es nichts als Worte, die Worte, die ihm den Tod seiner Tochter verkündeten. Die Welt verstummte für einen Moment, sie schien völlig stillzustehen, alles geschah in Zeitlupe und es war, als wäre er ganz allein in einer riesigen Stadt, verloren und ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Der Wachmann erzählte etwas, Kantal konnte sehen, wie sich sein Mund bewegte, doch gelangten die Worte nicht mehr bis an sein Ohr. Er dachte darüber nach, was wohl passiert war, malte sich einen Mord aus, dann eine Vergewaltigung, einen Überfall, ein Missverständnis, hunderte solcher Bilder erfüllten seinen Kopf bis ihm schwarz vor Augen wurde. Er dachte an die Beerdigung, die Trauerfeier und daran, wie seine Frau auf die Nachricht reagieren würde, dann schließlich verlor er das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam stand der Wachmann, mittlerweile mit unterstützung seines Kollegen, über Kantal gebeugt und sorgte sich um ihn. Kantal wollte es eigentlich garnicht wissen, aber er wusste, dass es ihn sein Leben lang beschäftigen würde, also bat er die Wache, ihm zu schildern, was geschehen war und ließ die Geschichte vor seinem geistigen Auge mitlaufen. Seine Tochter, sein kleiner Engel, unbeschwert und mit einem Liedchen auf den Lippen tänzelt sie durch den Wald, in der Hand den Korb mit den Pilzen schaut sie den Schmetterlingen nach und freut sich über jedes Bienchen, das ihren Weg kreuzt. So war sie, seine Tochter, ein perfektes kleines, hilfloses und doch mutiges Geschöpf des Himmels. Plötzlich, wie aus dem nichts, schießt mit tösendem Grollen ein Pferd auf sie zu, ein düsterer, rücksichtsloser Reiter auf seinen Schultern, der es mit einer Peitsche antreibt und sie mit lauten Schreien über den Haufen reitet.

Kantal spürte ein Drücken im Magen, ein wiederliches Gefühl, als ob etwas aus ihm herauswollte, als müsse er sich jeden Augenblick übergeben. Hryko hieß der Reiter, Hryko, der Mörder seiner Tochter, obgleich der Wachmann betonte, dass keine böse Absicht dahinter steckte und es ein Unfall gewesen sei. Zitternd griff er nach seinem Bogen und dem Köcher mit den Pfeilen, er würde diesen Hryko schon finden, er würde seine Tochter rächen, die Wachen waren für soetwas sowieso nicht zu gebrauchen, also zog er los, wütend wie traurig und verzweifelt und er fand den, den er suchte.



Geknickt saß Hryko am Wegesrand, das Gesicht in den Händen vergraben, schluchzend und mit von Tränen getränkten Ärmeln. Die Vögel sangen immernoch ihr Lied, die Sonne wärmte den Boden und auch sonst war es ein Frühlingstag, der schöner nicht hätte sein können. Seine Frau war bereits zu Hause und bereitete ein kleines Mahl zu, obwohl beide wussten, dass sie heute nicht viel essen würden. Hryko dachte darüber nach, was geschehen war, er war einfach zu schnell geritten, es war seine Schuld, auch wenn er es nicht hätte verhindern können. Ein unglücklicher Zufall, das sagten sie alle, warum nur ließ das miese Gefühl nicht nach, warum ... ein stechender Schmerz unterbrach seine Gedanken und ließ ihn langsam zur Seite sacken. Über seine Finger hinweg erkannte er einen großen Mann, ein paar Schritte vor sich nur, mit einem Bogen in der Hand, der mit einem traurigen Gesicht auf ihn zu kam. Er hatte den Mann nie zuvor gesehen, doch sagte ihm irgendetwas tief in sich drin, wer das war. Er war gekommen, um Hrykos Fehler zu vergelten und Hryko war ihm dankbar dafür.

Kantal setzte sich neben Hryko an den Wegesrand, schweigend, ein dünner Rinnsal lief seine Wange herunter und glänzte in vielen Farben im Schein der Sonne. Hryko legte eine Hand auf das Bein des Mannes, nahe seines Knies, sah ihn an und beteuerte, wie leid es ihm tat, den Pfeil in seiner Brust ignorierend, selbst wenn er ein gurgelndes Geräusch beim Sprechen verursachte. Kantal begann stockend und von kurzem Schluchzen unterbrochen zu erzählen, er erzählte von Erlebnissen mit seiner Tochter, wie sehr er sie liebte und wie wunderbar sie war. Nichts in der Welt könnte das Lächeln ersetzen, kein Metall konnte glänzen wie ihre Augen, wenn sie sich über die geringste Kleinigkeit freute, und sie freute sich selbst über einen hübschen Stein, wenn sie einen fand. Nie wieder würde er ihr Lachen hören, das Lachen, das jeden griesgrämigen Alten zu neuer Lebenskraft verhalf, nie wieder das Schluchzen, wenn sie seinen Trost suchte.

Als er fertig erzählt hatte, sah er Hryko das erste Mal an, seit er auf ihn geschossen hatte. Ein kleiner Blutfleck hatte sich unterhalb des Mundwinkels auf der Kleidung angesammelt, etwas weißer Schaum schimmerte aus der Nase und Tränen benetzten immernoch das Gesicht. Er sah friedlich aus, als würde er schlafen und wäre von einem feinen Spinnennetz überzogen. Kantal begann zu weinen, diesmal nicht wegen dem Tod seiner Tochter sondern wegen seiner eigenen Taten, er hatte einen werdenden Vater auf dem Gewissen, er war Schuld, dass sein Kind ohne Vater aufwachsen würde. Er zerbarst seinen Bogen, warf ihn weg, soweit er nur konnte, beobachtete, wie die Grashalme unter der Waffe zerknickten und machte sich auf den Heimweg. Es war warm, Vogelgezwitscher erfüllte die Luft und ein kleiner blauer Schmetterling tänzelte fröhlich zwischen den Sonnenstrahlen umher.



Fin.





(Inspiriert durch das Online-Rollenspiel "Age of Conan" von FunCom, geschrieben am 24.02.09 ganz früh morgens...)








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