Dummgeglotzt?
13:36, 2.09.2009
.. LinkWas wären wir ohne das Fernsehen? Kulturjournalisten wie Alexander Kissler hätten kein Feinbild, aber er plädiert ja ohnehin für die Abschaffung des ZDF Hier nachzulesen
Ich habe so um die 40 deutschsprachige Programme per Satellit zur Auswahl. Ob es sich immer um ein gutes Deutsch handelt, soll hier nicht weiter diskutiert werden. Lassen wir mal ERF und Bibel TV außen vor, fallen mir auf Anhieb noch ein halbes Dutzend Sender mit anspruchsvollem Programm ein, welches dem geforderten Kultur- und Bildungsauftrag zumindest recht nahe kommt.
Sie, lieber Herr Kissler, und meine virtuelle Wenigkeit rechnen uns natürlich nicht zum gemeinen Volk, wir haben ja einen gewissen Anspruch. Wir kaufen im Media Markt, denn wir sind ja nicht blöd!
Und genau darumgeht es: Jeder Fernsehkonsument kann da einkaufen, wo er ein seinen Anspüchen genügendes Programm findet. Und alle Menschen mögen vor Gott gleich sein, nicht aber vor der Glotze. Ich erinnere mich noch mit Schrecken an ein Erlebnis auf meiner ersten Arbeitsstelle, wo die Belegschaft jeden Morgen ernsthaftig über die fiktiven Ereignisse der Vorabendserie von Dallas diskutierte. Diese Kollegen hatten keinen höheren Anspruch! Dallas war eine Quasi-Realität, mit deren Protagonisten man lachen, weinen und zittern konnte. Abgehoben von der wirklichen Welt, aber doch irgendwie verbunden.
Wie war das denn in der Vor-Fernsehzeit eigentlich? Volksbelustigung waren öffentliche Hinrichtungen und ähnliches, und die folgende Geschichte, von mir etwas modernisiert, könnte durchaus bei einem Privatsender (meinetwegen auch beim ZDF) der Knaller werden:
Herr J. und seine Frau S. hatte ein schickes Haus mit Pool und großem Garten, ringsum durch eine Hecke abgeschlossen. Vormittags trafen sich die lokalen Geschäftsleute mit Herrn J. im Garten, nachmittags pflegte Frau S. dort nackt zu baden und zu sich sonnen. Herr J. war dann zu Geschäften außer Haus, wußte aber natürlich von dem harmlosen Vergnügen seiner Gattin.
Nun hatten aber zwei Männer aus der örtlichen Kirchengemeinde Wind davon bekommen und wollten sich an die Frau heranmachen. Sie versteckten sich im Garten und warteten, bis Frau nackt am Pool lag und das Hausmädchen schon gegangen war.
Sie wurden recht zudringlich und drohten Frau S., ihrem Mann zu erzählen, sie hätte ein Verhältnis mit einem von Ihnen, wenn sie nicht in ihre Spielchen einwilligen würde.
Frau S. ging allerdings nicht darauf ein und lief schreiend ins Haus.
Daraufhin schicken die beiden Männer eine anonyme Nachricht mit einer Fotomontage an den Ehemann.
Wie die Geschichte nun ausging, möge jeder selber lesen, steht im Buch Daniel 13, Verse 1-64.
Alles drin, was Herr Kissler am Fernsehen so wenig schätzt: Es wird nicht der Verstand, sondern der Unterleib angesprochen ( naja, eigentlichfindet Sex im Kopf statt, der Rest ist Gymnastik, Herr Kissler ), man kann sich trefflich über die Geschichte aufregen, und Raum für Werbepausen gibt es auch: Frau S. liegt nackig in der Sonne, die beide Voyeure glotzen durchs Gebüsch: SCHNITT. Jetzt die WERBUNG: Hätten die beiden ihre Brillen gleich bei Schielmann gekauft, würden sie jetzt viel schärfer sehen. Und weiter gehts.
Wenn wir also das Buch von Herrn Kissler kaufen, hier der link dazu, was hilft uns das? Erstmal garnichts, denn das unterschwellige Gefühl, daß das Fernsehen immer schlimmer wird, haben wir Bildungsbürger doch schon längst. Und wenn wir abschalten, ist auch nichts gewonnen, denn diese Sendungen glotzen wir sowieso nicht.
Das Fernsehen hat sich seit seiner Etablierung weitgehend verselbstständigt, und zwar in genau dem Maße, wie sich auch unsere Gesellschaft rasend schnell verändert hat. Dabei ist die Grundlage doch immer die gleiche geblieben, nämlich die Befriedigung der niederen Bedürfnisse und der anspruchsvollen Kultur - gleichzeitg, aber nicht für die gleiche Zielgruppe.
Von den prüden Dallas-Geschichten bis zum Djungle-Camp, vom Talentwettbewerb bis Dieter Bohlen. Wobei sich bei letzterem mir persönlich die Frage stellt, wo ist eigentlich der Unterschied zwischen seinen markigen Sprüchen und meinem Musiklehrer von 1960? Aufstehen, vorsingen, setzen, fünf. Eine 5, nur weil ich keinen Ton richtig treffen konnte, und 29 andere Kinder sitzen da und lachen.
Gut, einen Unterschied gibt es doch: Mein Lehrer hatte eigentlich einen Bildungsauftrag, wer bei Dieter vorsingt und nicht weiß, daß er es nicht kann, hat selber Schuld.
Fazit: Wir werden das Fernsehen nicht ändern können. Die Leute, die den pater patriae Cicero oder die Süddeutsche lesen, loben den investigativen Journalismus der ARD und schalten ARTE oder Bayern Alpha ein.
Für die Bildzeitungsleser bleiben noch 27 Programme übrig.
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