Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in den Heiligen Geist.
21:11, 6.06.2010
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Diese Jüdischen Speisegesetze (hebr. כַּשְרוּת Kaschrut, galten natürlich für alle Juden zu Jesu Zeit und gelten auch heute noch. Der heutige Umgang mit den Kaschrut im Judentum ist allerdings sehr unterschiedlich und umfasst strikteste Einhaltung durch orthodoxe Juden bis hin zur völligen Nichtbeachtung durch säkulare (weltliche) Juden.
Nicht anders wird es zu Jesu Zeiten gewesen sein: Genaueste Einhaltung durch die Pharisäer ( prangert nicht schon Jesus deren Verhalten in Bezug auf das Gesetz an mit den Worten: „und sie geben sogar den Zehnten von ihren Küchenkräutern.“, und mehr oder weniger strikte Beachtung durch das Volk.
Jesus selbst relativiert die Speisegebote, indem er wieder die Pharisäer angreift: „und ihr halten dem Volke Vorträge, wie es seine Schüsseln zu waschen hat!“ ( nach den mosaischen Geboten, um milchiges von nicht-milchigen zu trennen). Und er rief zu sich das ganze Volk und sprach zu ihnen: Höret mir alle zu und fasset es! Es ist nichts außerhalb des Menschen, das ihn könnte gemein machen, so es in ihn geht; sondern was von ihm ausgeht, das ist's, was den Menschen gemein macht. Hat jemand Ohren, zu hören, der höre! Und er sprach zu ihnen: Seid ihr denn auch so unverständig? Vernehmet ihr noch nicht, daß alles, was außen ist und in den Menschen geht, das kann ihn nicht gemein machen? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch, und geht aus durch den natürlichen Gang, der alle Speise ausfegt.“
Hier relativiert Jesus das erste Mail die Speisegebote, setzt sie aber noch nicht ausdrücklich außer Kraft. Eigentlich hätten da alle gesetzestreuen Juden aufstehen und davon gehen müssen, aber die Zuhörer bleiben offensichtlich. Nur die Pharisäer haben wir einen Angriffspunkt gefunden: Dieser Rabbi ruft auf zum Bruch der Speisegesetze!
Paulus, von Herkunft und Ausbildung zu den besonders Frommen zugehörig, gehörte zu dieser Gruppe, hat aber den Menschen und Prediger Jesus nie persönlich kennen gelernt. Erst in seiner Vision auf dem Wege nach Damaskus erscheint dieser ihm und läßt ihn vom Verfolger der neuen Glaubensgemeinschaft zu einem ihrer glühendsten Verfechter werden.
Jesus selber wird ohnehin wegen seiner Eßgewohnheiten angegriffen, sagt er nicht selbst von sich: Und sie nennen mich einen Säufer und Fresser. (Mt 11,19.) Er legt die Grundstein für die Abkehr von den Speisegeboten, vollzogen wird sie – für die neuen Judenchristen – aber erst durch die Vision des Paulus uf dem Wege nach Cäsarea:
Und als er hungrig ward, wollte er essen. Da sie ihm aber zubereiteten, ward er entzückt (entrückt?) und sah den Himmel aufgetan und herniederfahren zu ihm ein Gefäß wie ein großes leinenes Tuch, an vier Zipfeln gebunden, und es ward niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige Tiere der Erde und wilde Tiere und Gewürm und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Stehe auf, Petrus, schlachte und iß! Petrus aber sprach: O nein, HERR; denn ich habe noch nie etwas Gemeines oder Unreines gegessen.
Und die Stimme sprach zum letzten Mal: Was Gott gereinigt hat, das mache du nicht gemein.(unrein)
Das war die klare Anweisung, daß von nun an alles erlaubt ist zu essen.
Nun sollte das für die ohnehin im jüdischen Umfeld lebenden Judenchristen kein großes Problem darstellen, denn obwohl sie durften, mußten sie nach unkoschere Dinge essen. Das Angebot an koscheren Speisen dürfte groß genug gewesen sein, ganz abgesehen davon, daß der damalige Speiseplan überwiegend aus Gemüse, Fisch und Brot bestanden haben dürfte.
Ganz anders aber in Rom!
Die ersten Christen der römischen Gemeinde, ca. 20 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung, stritten sich über die Einhaltung von Speisevorschriften. Der Streit war heftig, weil es hier wirklich um das vermeintlich richtige oder falsche Verständnis der Botschaft Jesu ging.
Einige Gemeindemitglieder enthielten sich strengstens jeglichem Fleisch- und Weingenuss. Sie argumentierten folgendermaßen: „Alles Fleisch, was wir hier in Rom an den Marktständen kaufen, stammt aus den Überresten geopferter Tiere in den Tempeln römischer ( vermutlich auch griechischer und ägyptischer – Rom war eine Weltstadt ) Kulte.
Es fanden täglich so viele Opferungen in verschiedenen Tempeln statt, dass vermutlich alles Fleisch, das zum Verkauf in Rom angeboten wurde, aus solchen Quellen kam, denn Götzen essen ja bekanntlich selbst nicht viel .
Mit solchen ‚Götzenopferfleisch’, so sagten sie, möchten wir nichts zu tun haben. Außerdem, so meinten sie, enthalte dieses Fleisch noch das Blut des geopferten Tieres. Gott aber hat ( 3. Mose 17, 10 ff.) strengstens untersagt, nicht ausgeblutetes Fleisch zu essen, weil jegliches Blut allein Gott, dem HERRN, nicht aber uns Menschen gehöre. Deshalb essen wir kein Fleisch.
Obwohl Wein ein pflanzliches Produkt ist und daher keiner spezifischen Kaschrut-Vorschrift unterliegt, durften Juden nicht jeden Wein trinken, der Grund hierfür liegt in dem Umstand, dass Wein in anderen Religionen eine rituelle Bedeutung hatte und hat und daher der Gefahr unterllag, im Rahmen von Götzendienst gebraucht zu werden. Es wäre nicht der kleine Krug Wein, der einem Götzenbild dargebracht wurde, selbst unkoscher gewesen, sondern eben das ganze Faß, von dem nur ein winziger Teil Opfer war, unrein gewesen.
Zusätzlich mag auch folgendes hinzugekommen sein: „Wir wollen uns von der verfallenen Lebensweise der Römer, die oft betrunken durch die Straßen wanken, unterscheiden; deshalb versagen wir uns den Alkoholgenuss“
Diesen vegetarischen-asketischen Christen stand eine andere Gruppe in der Gemeinde gegenüber. Sie argumentierten folgendermaßen: „Wir wissen doch ganz genau, dass es nur einen Gott und nicht viele Götter gibt. Wir sind doch aufgeklärt und glauben nur an den Jesus Christus. Also wissen wir doch, dass dem in Tempeln geopferten Tierfleisch gar kein Geist von Göttern und Geistern anhängen kann, weil es solche Geister und Götter gar nicht gibt.
Sie beschimpften sie die anderen Mitglieder ihrer Gemeinde, als Kleingläubige, wenn nicht gar Ungläubige. Und das mit dem Blutverzehr gilt doch nur für die altgläubigen Juden, nicht aber für uns, die wir jetzt zum christlichen Glauben übergetreten sind. Wir sollten doch vielmehr dankbar sein, dass uns Gott, unser Schöpfer, Nahrung zum Leben gegeben hat.
Der Streit eskalierte in Rom, der Gemeinde drohte eine Spaltung. Die asketische Gruppe behauptete irgendwann, man könne das Reich Gottes nur erreichen, wenn man solche Speisevorschriften wie Fleisch- und Wein-Enthaltung auch wirklich praktiziere. Dazu kam noch deren Behauptung, ( Röm. 14, 5,) dass man auch den Sabbat (später den Sonntag ) als arbeitsfreien Ruhetag einhalten müsse, um gottgefällig zu leben.
Paulus kannte diesen Streit in Rom, der demjenigen in Korinth ( 1. Kor 8 ) ähnelte. Wieder nennt er im Brief an die römische Gemeinde die (neu)gesetzlichen Asketen „Schwache im Glauben“ und die anderen „Starke im Glauben“.
Und er nimmt zunächst für letztere Partei, indem er sagt: „Das Reich Gottes besteht nicht aus Speisevorschriften.“ Denn er ist ja der Überzeugung, dass „Christus das Ende des Gesetzes“ sei. (Röm 10, 4). Nichts an der Schöpfung sei unrein an sich selbst“ (Röm 14,4) Wir Menschen bräuchten nicht Bedingungen zu erfüllen, um Gottes Liebe, Frieden und Gerechtigkeit bzw. sein Reich schon mitten im Leben zu erreichen. Gott habe uns das alles durch seinen Sohn Jesus Christus geschenkt.
Paulus wäre nicht Paulus, der studierte Rabbiner, wenn er nicht gleichzeitig zum Lob auch Tadel zu verteilen hätte!
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die „Starken“ demonstrativ üppige Fleischtöpfe auftragen ließen.zu ihren gemeinsamen Essen. Brot wurde in Rom fast auf Null subventioniert, aber Fleisch war auch nicht sehr teuer. Darin unterschied sich das Essen deutlich von dem in Palästina. Und die Vegetarier saßen nun vor den duftenden Schüsseln und durften sie wegen ihrer selbst auferlegten Askese nicht anrühren. Dabei sollte das gemeinsame Mahl doch dem Gedenken an Jesus dienen!
Und deshalb nun dieses schriftliche Donnerwetter an die Adresse der Starken:
„Bringe nicht durch deine Speisegewohnheit den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt.“ (Röm 14, 15f) Er mahnt sie, sich nicht arrogant und stolz zu verhalten mit ihrem aufgeklärten Glauben, sondern die anderen Gemeindeglieder in ihrer Askese genauso zu achten, wie sich selbst, - denn Christus sei sowohl für diese als auch für sie gestorben.
Ganz klar fordert er sie auf: „Lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung (in der Gemeinde) untereinander.“ Entscheidend, so fügt er noch hinzu, sei nicht, was man isst bzw. was man nicht isst und trinkt, sondern dass man ein gemeinsames Tischgebet (Röm 14,6) spricht. Solches Dankgebet vereine die Gegensätze in der Gemeinde.
Paulus mutet beiden Gruppen, denen „Starken“ und den „Schwachen“ nun etwas Ungeheuerliches zu: Sie sollten „geistlich leben“.
Er behauptet, dass das Reich Gottes „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ sei. Das war und ist noch immer eine Zumutung! Es ist doch viel leichter, irgendwelche Speisevorschriften, Arbeitsvorschriften, Gesundheitsvorschriften usw. zu befolgen, als mit dem Gefühl eines ‚geistlichen Friedens’ oder einer ‚geistlichen Gerechtigkeit’ im Herzen zu leben. Ich trinke keinen Wein ( nur roten Tee), also komme ich in den Himmel, ganz einfach. Da muß ich nicht groß nachdenken, über meinen Nächsten schon garnicht.
Aber mit meinem Mitmenschen zu leben, der eine andere Einstellung hat, mit ihm am Tisch zu sitzen? Niemals! Der ist ja ein Fresser und Säufer, und sein Tischgebet ist auch viel zu kurz!
Paulus hätte eigentlich den ganzen Streit mit einem Jesuswort beilegen können:
Jesus spricht im Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner ( Lukas 18, 9)
Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen, daß sie fromm wären, und verachteten die andern, ein solch Gleichnis:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst also: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe
und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem.
Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Wenn ich einen Vegetarier und Abstinenzler zu Besuch habe, werde ich aus Höflichkeit vegetarische Speisen und alkoholfreie Getränke anbieten und nicht auf ihn herabsehen. Dazu trinke ich meinen Wein und erwarte andererseits von ihm, daß er mich nicht dauern mißbilligend ansieht, wenn ich das Glas hebe.
Wieviel mehr gilt das, wenn Christen gemeinsam zu Tisch sitzen. Alles, was mit Dank genossen wird, ist gut, und es gibt mehr als einen Weg zu Gott.
Leider hat der Brief des Apostel nicht die rechte Wirkung gehabt, denn noch heute zerstreiten sich die Gemeinden über diese oder jene kleinliche Vorschrift und verlieren dabei Jesus aus den Augen.
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