Wo der Pfeffer waechst

Excuse me, is this the Train to Hell?

Darauf kann es nur eine Antwort geben und die lautet ja! Aber in Wirklichkeit betraten wir die Hölle schon, als wir unseren Fuß am Abend des 04.04. über die Schwelle des Bahnhofes von Gaya gesetzt haben. Wie konnte es passieren, dass unser Zug, der DOON Express seit seiner Abfahrt aus Dhera Dun in Uttaranchal siebeneinhalb Stunden Verspätung anhäufte, bevor er uns in Bihar erreichte? Eine ganz und gar indische Kunst. Aber das wussten wir noch nicht, als wir aus der Rickshaw stiegen und uns gut gelaunt auf den Weg zu der letzten Station unserer Reise begeben wollten. Am “May I help you” Stand von Northern Railways erfragten wir das Gleis, von welchem der DOON Express nach Kalkutta abfahren sollte, und wurden von dem umsichtigen Bahnbeamten gewarnt, der Zug könnte ein bis zwei Stunden Verspätung haben. Wir kauften Wasser und machten es uns auf dem Boden von Gleis 2 und 3 bequem – Warten waren wir ja schon gewohnt. Die Zeit verstrich, der Zug kam nicht und wir wurden aus den Lautsprecheransagen auch nicht schlauer, weil sich niemand die Mühe machte, sie aus dem Hindi ins Englische zu übersetzen. Also wieder ein Besuch beim “May I help you” Mann, der verkündete, es könne durchaus noch 2.00 Uhr werden, bevor der Zug einträfe. Wie kauften mehr Wasser und richteten uns auf einer schmalen Bank ein, die zu unserem Glück gerade frei geworden war, gefolgt von einem schmierigen Typen und einem Geistesgestörten, der ein hartnäckiger Bewunderer von Tines Füssen wurde und sie anpustete und besang. Nach vier Stunden Wartens brüllte ich ihn an, er solle verschwinden, sonst würde ich die Polizei rufen und ihn einweisen lassen, wozu er nur unschuldig in die Luft schaute, seinen Singsang wieder aufnahm und sich in die Dunkelheit seiner geistigen Umnachtung zurückzog, in die ich ihm mit meinen sehr vernünftigen Forderungen und Ansprüchen nicht folgen konnte. Zumindest aber stellte es das Anhauchen von Tines Füssen ein und setzte sich an die Kante zum Gleis, wo er vor sich hinsang und die Beine baumeln ließ.


Der übermäßige Konsum von Wasser warf das Bedürfnis nach dem Gang zur Toilette, die wegen des Stromausfalles so finster war, dass man seine Hand nicht vor Augen sehen konnte, und wo es so betäubend nach Urin und anderen menschlichen Ausdünstungen stank, die vermutlich nicht nur von denjenigen stammen, die in der Dunkelheit versucht hatten, in die einzig richtige Richtung zu zielen. Dort konnte man nicht bleiben. So begnügten wir uns mit dem nervenaufreibenden Run auf die Toiletten einfahrender Züge, immer besorgt, dass der Zug jeden Moment abfahren und einen an Orte mit unaussprechlichen Namen bringen würde. Aber nichts dergleichen geschah, gegen 2.30 Uhr gab es auch endlich Ansagen auf Englisch, die uns regelmäßig darüber aufklärten, dass der Zug sich immer weiter verspäten würde, und wir versuchten, auf unserer Bank zur Ruhe zu kommen. Mit der vergehenden Zeit wurden wir immer verzweifelter, meldeten die Ansagen, der Zug würde zu 3.00 Uhr erwartet werden, kam kurz vor Auslaufen der Zeit eine neue Nachricht, dass es doch noch eine Stunde später werden würde. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass wir einen handfesten Hass auf Northern Railways entwickelten, die uns auf dem Bahnsteig zwischen Kakerlaken und Schaulustigen gefangen hielt und nicht einmal Entschädigungen anbot (naja, im Falle einer dreistündigen Verspätung kann man sein Ticket canceln und bekommt zehn Prozent der Kosten zurückerstattet – eine sehr großzügige Summe).

Um fünf Uhr rollte der DOON Express endlich ein, wir bezogen deprimiert unsere Schlafplätze und stellten uns auf die lange Fahrt ein. Eigentlich sollten wir den Bahnhof Howrah in Kalkutta um 7.00 Uhr morgens erreichen, mit der siebeneinhalbstündigen Verspätung würde es 14.30 Uhr werden, wie wir schätzten, aber natürlich kam alles anders, weil man sich nicht einmal annähernd die Mühe machte, die Verspätung wenigstens etwas aufzuholen.

 Völlig erschöpft im Zug

Wir zuckelten langsam durch die grüne Natur von Jarkhand, die immer tropischer wurde, je näher wir der Grenze zu West Bengalen kamen, wo wir von einer verschwenderischen Üppigkeit voller blühender Tümpel, bunter Blumen und verschiedenartiger Palmen empfangen wurden. Die Luftfeuchtigkeit nahm enorm zu und wir schwitzen ohne Unterlass vor uns hin bis uns die Kleider am Körper klebten und der Schweiß helle Streifen auf die vom Staub bedeckte Haut zeichnete. Ich hatte mir irgendwo eine fette Erkältung geholt und mein Schädel brummte. Die Nerven lagen blank. Howrah war vom ersten Moment an anstrengend, wir mussten ein Taxi nehmen, um ins Stadtzentrum zu gelangen, weil es keine Rickshows gab und wir uns nach der Fahrt außerstande sahen, uns durch den Wust der Busnummern und auskunftsunfreudigen Fahrer zu kämpfen. Das Martyrium war mit der Ankunft in der Sudder Street, dem einschlägigen Touristenviertel der Stadt, noch nicht Vorruheber, denn wir mussten noch Dutzende Hotels abklappern, ehe wir ein winziges Zimmer ohne Fenster im vierten Stock des Hotels “Ashok” bezogen, was sich später als fataler Fehler erweisen sollte, weil es in dem Raum so heiß wurde, dass wir die Nacht über kein Auge zutun konnten. Lasst euch gesagt sein: fahrt niemals und unter keinen Umständen im Sommer nach Kalkutta, wenn ihr nicht da Bedürfnis habt, euch das Gehirn zu Brei kochen zu lassen oder euch die Seele aus dem Leib zu schwitzen. Am Ende unserer Reise sind wir ohnehin ausgelaugt und haben kaum noch Energie, uns dieser Stadt zu stellen, sind dankbar, dass es Wasser direkt vor der Tür und einen Bookexchange Shop um die Ecke gibt, wo wir zwei dicke Wälzer erstanden, die uns gut unterhalten.

Gestern fühlten wir jedoch trotzdem unsere Pflicht, wenigstens einen kleinen Teil des touristischen Programms abzuarbeiten und machten einen langen Spaziergang durch den Maidan, die Lungen Kalkuttas, bis zum berühmten Victoria Memorial, einem riesigen repräsentativen Gebäude aus den Zeiten des British Raj, welches mitten in einem gepflegten, nicht gerade englischem Park liegt.




Das Victoria Memorial jenseits des Maidans

Von da aus liefen wir weiter zur St. James Cathedral, die durchaus auch St. Paul's Cathedral oder ähnlich heißen kann, ich habe den Reiseführer nicht dabei. Auf jeden Fall ist es aber eine monumentale Kirche in europäischem Stil, in der viele tapfere Engländerinnen begraben liegen, die ihrerseits während der Unterwerfung Indiens diverse Menschen gemordet haben.


  St. James Cathedral im Herzen der Stadt

Durch die beinahe mondänen Einkaufstrassen zurück zur Sudder Street, wo wir uns für den Nachmittag verkrochen. Am Abend, vermutlich frustriert von zuviel Indien, besuchten wir den einzigen Englischen Film, der gerade in den Kinos Kalkuttas läuft: Dreamgirls. Auch wenn der Film wenig Inhalt hatte, waren wir schlichtweg begeistert, bis sich zwei betrunkene Idioten neben uns setzten und begannen, uns mit dämlichen Fragen zu belabern. Einer von ihnen kam mir etwas zu nahe und bekam meine neu entdeckte, beinahe feministische Ablehnung gegen indische Männer zu spüren, indem ich ihm die Hand umdrehte und ihm sagte er solle nach Hause gehen und an sich selbst herumspielen. Keine Ahnung, woher diese Worte kamen. Er machte noch einen letzten Versuch, indem er anbot, man könne sich doch anfreunden, aber das läuft doch immer auf dasselbe hinaus: sie wollen eine Europäerin im Bett, weil die indischen Frauen nach Aussage eines Machos im Bett keine Initiative ergreifen und 99 % der Frauen, welche die Männer hier in pornografischen Produktionen zu Gesicht bekommen, blonde Haare und blaue Augen haben. Kalkutta ist diesbezüglich besonders aggressiv. Es vergeht keine Minute, in der nicht irgendein selbsternannter Weiberheld an einem vorbeistolziert, einem unverfroren auf den (nicht existierenden) Ausschnitt starrt und eine widerliche Bemerkung macht. Mittlerweile kann ich nicht mehr die Geduld aufbringen, mich von diesen Männern auf meine Oberweite reduziert zu lassen, die Wut und Erniedrigung bringen mich langsam zum Heulen.


Die Totengöttin Kali tanzt auf Shivas Leichnam

 

Die Tatsache, dass wir in einer Woche beinahe schon wieder zu Hause sind, ist an dieser Stelle ein guter Trost und hilft über schwere Stunden des Indienhasses hinweg. Den Bericht über Kalkutta werde ich erst in Chennai beenden, jetzt würde ich nur weiter Gift verspritzen und Kalkutta madiger machen, als es vielleicht wäre, wenn ich mehr Geduld und Kraft hätte, mich der Stadt zuzuwenden.

18:04 - 7.04.2007 - Kommentare {0} - Kommentar hinterlassen

Der mittlere Weg

Gar nicht so einfach, aus Varanasi wegzukommen. Wir begaben uns am 01.04. noch vor Mitternacht zum Bahnhof, nachdem man uns in der "Old Yogi Lodge" zu verstehen gegeben hatte, dass unsere Anwesenheit nicht weiter erwünscht wäre - wir hatten die Rechnung für Zimmer und Essen schon beglichen und wurden nicht weiter als zahlende Kunden behandelt. Unser Zug sollte um 1.30 Uhr aus Jammu eintreffen, was angesichts der Tatsache, dass Jammu ganz hoch im Norden bei Kashmir liegt, schon im Vorhinein unmöglich schien. Wir ließen uns auf einer schmalen Holzbank nieder und waren sofort von Gaffern und Moskitos umzingelt. Um 1.25 Uhr dann die Ansage: "Your attention please. Train No. 3152 from Jammu to Sealdha, Sealdha Express is expected to arrive late at 2.30 am." Klick. Die Affen auf den Dachbalken schreckten auf. Das Reisen in Indien besteht aus Warten. 2.30 Uhr: "Your attention please. Train No. 3152 from Jammu to Sealdha, Sealdha Express is expected to arrive late at 3.30 am." Klick. Die Affen knurrten und kratzten sich missmutig. Müde, mit Augenlidern wie Sandpapier und von gierigen Moskitos auf der Suche nach Blut perforiert setzten wir unsere Warterei fort. Um 3.30 Uhr fuhr ein anderer Zug auf unserem Gleis ein, keine Spur vom Sealdha Express. Es wurde 4.00 Uhr bis es wieder klickte. "Your attention please. Train No. 3152 from Jammu to Sealdha, Sealdha Express is expected to arrive at platform No. 8." Gott sei Dank. Kurze Zeit später rollte der Zug ein, wir verjagten jemanden von unseren Plätzen und machten es uns zur Nacht gemütlich. Diesmal waren wir zu müde, um uns von den Kakerlaken und Moskitos stören zu lassen, die mit uns das Abteil teilten.

Am nächsten Vormittag kamen wir gegen 9.45 Uhr in etwas desolatem Zustand in Gaya an. Sofort umzingelten uns Dutzende Rickshawfahrer, die uns zu horrenden Preisen nach Bodhgaya bringen wollten. Zumindest diesmal wussten wir es allerdings besser und feilschten so lange, bis jemand einwilligte, uns für 50 Rupees dort abzusetzen. Und schon steckten wir im ewigen Stau der Hauptstrassen. Fahrradrickshaws, Motorräder, Pferdekarren, Läden auf Rädern und Fußgänger wirbelten um uns herum und durcheinander, entwirrten sich wieder und machten sich hupend, klingelnd und brüllend davon. Die Luft war heiß wie aus einem Fön und wir schwitzten vor uns hin. Als wir Gaya endlich hinter uns gelassen hatten, fuhren wir noch etwa eine Viertelstunde durch die grüne, völlig flache Landschaft, links von uns ein riesiges ausgetrocknetes Flussbett, und schon waren wir in Bodhgaya. Wir schleppten uns mit den Rucksäcken eine Weile herum und fanden schließlich das "Happy Guesthouse", wo wir in kleines, preiswertes Zimmer bezogen, welches uns durchaus ziemlich glücklich machte. Nach einer Dusche fühlten wir uns auch wieder wie Menschen und waren fähig, draußen etwas zu essen aufzutreiben. Der Rest des Tages verlief ruhig, wir hatten viel Schlaf nachzuholen, weil auch die Nächte in Varanasi eher kurz waren (Schuld hatte der die ganze Nacht vor sich hinquatschende Papagei, dessen Käfig genau vor unserem Fenster stand und das frühe Aufstehen zu den Bootsfahrten. Am Abend schlenderten wir noch mal durch das Städtchen, vorbei am Mahabodhi Tempel und diversen Monasteries (Tempel und repräsentative Gebäude anderer buddhistischer Nationen wie China, Vietnam, Tibet, etc.), wobei wir feststellten, dass Bodhgaya außerhalb der Saison ein sehr ruhiger und entspannter Ort ist, wenn man von den menschenfeindlichen Temperaturen einmal absieht.

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen des Buddha. Wir verließen das Zimmer früh am Morgen, um die Stunden vor Mittag zu nutzen, wenn es zu heiß wird, auch nur daran zu denken, sich vom Deckenventilator zu entfernen, und besuchten den Mahabodhi Tempel, der inmitten eines schönen Gartens steht.

Der Mahabodhi Tempel in Bodhgaya

Der Tempel selbst ist keine allzu große Attraktion, die vielen Pilger kommen wegen des Bodhi-Baums, unter welchem Siddharta Gautama seinerzeit die Erleuchtung erlangte und zu Buddha wurde. Wegen der großen Hitze ist der Baum beinahe kahl, die übriggebliebenen Blätter werden schnell vom Wind abgerissen, fortgeweht und von eifrigen Pilgern aufgesammelt. Auch wir sind stolze Besitzer zweier echter Bodhi-Blättern. Ihr fragt euch nun, wie zur Hölle es sein kann, dass dieser Baum noch immer steht, wo Siddharta Gautama doch schon ca. 528 vor Christus in seinem Schatten gesessen hat. Natürlich wird der Baum immer wieder nachgepflanzt, wenn er aus Altersschwäche den Geist aufgibt. Aber er steht noch immer an derselben Stelle und wird geehrt, als wäre als der alte Bodhi-Baum.

Der vielgeehrte Bodhi-Baum, der vielen Schatten spendet und manchen die Erleuchtung schenkt

Wir saßen ein wenig in seinem dürftigen Schatten, schauten die unzähligen Buddha-Statuen im und am Tempel an und strolchten ein wenig durch den Park. Unser Erlebnis teilten wir mit Pilgern anderer buddhistischer Nationen, Reisegruppen aus China und Japan und buddhistischen Mönchen in gelb, orange und rot mit ihren kahlgeschorenen Köpfen. Alles war sehr friedlich und still und man bekam einen Eindruck davon, wie das Reisen in anderen südostasiatischen Staaten sein könnte, in denen die Denkweise der Menschen vom Buddhismus geprägt sind. 

 

 Ein Detail am Mahabodi Tempel

Es schien, die  dominierenden Religionen Indiens wären in einem eifersüchtigen Wettstreit mit dem Buddhismus entbrannt, als ob es ihnen nicht gefiele, dass diesem hier so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. So rief der Mullah besonders laut und lang und der Hindutempel gegenüber vom Mahabodhi Tempel ließ täglich stundenlang ein wenig klangvolles Lied in voller Lautstärke aus den zahlreichen Lautsprechern auf dem Dach plärren, dessen Botschaft sehr eindeutig war: "Hare Krishna, hare Krishna, hare, hare, Krishna, Krishna. Hare Rama, hare ..." Auf Inhalt und Tiefe wurde verzichtet. Bloß gut, dass der Buddhismus eine ungeheuer tolerante Religion ist, sonst gäbe es sicher schon einen ernstzunehmenden Zwist zwischen den Anhängern, da die grausame Musik selbst noch in die Ohren derjenigen drang, die in stiller Meditation unter dem Bodhi Baum saßen.

Auf unserem Weg zu den verschiedenen Monasteries wurden wir vorübergehend von eine kleinen Straßenjungen adoptiert, der unseren Bananenvorrat gefährlich schrumpfen ließ, uns gegen andere Bettler verteidigte und meine Hand so fest hielt, als hätte er vor, sie nie wieder loszulassen. 


 

In einer der Monasteries, die ich im Nachhinein leider keinem Land mehr zuordnen kann

Er achtete mit unnachgiebiger Strenge darauf, dass wir auch kein Gebäude ausließen und überall sollten Fotos geschossen werden. Wir liefen bis zu der 25 Meter hohen sitzenden Buddha Statue, die irgendein größenwahnsinniger Japaner dort hat installieren lassen, bevor es zu heiß wurde. Wir mussten unseren neugewonnenen Freund zurücklassen und verbrachten den Rest des Tages im leider wenig kühleren Zimmer.

 

Die Buddha Statue ... grösser geht's nicht? Sie planen den Bau einer 100 Meter hohen Statue

Am nächsten Tag schafften wir noch einige andere Sehenswürdigkeiten, dann gingen uns die Anlaufpunkte aus und es war heißer als je zuvor. Wir mussten aber ohnehin unsere Sachen packen, denn um unseren Zug zu erreichen, sollten wir spätestens um 20.30 Uhr eine Rickshaw nach Gaya nehmen, für die wir ungerechterweise das doppelte zahlen mussten, als die Sache wert war (Nighttime Charges). Wie wir später feststellen sollten, wäre Eile hinsichtlich des rechtzeitigen Erreichens des Bahnhofes ganz und gar nicht nötig gewesen, aber das ist eine andere Geschichte und soll an anderer Stelle erzählt werden.

17:10 - 6.04.2007 - Kommentare {0} - Kommentar hinterlassen

Das Geschäft mit dem Tod

Varanasi ist ein mystischer Ort, umwoben von tausend Sagen und Geschichten. Man hört, wer hier verbrannt wird und danach als Häuflein Asche in die Ganga gestreut wird, ist aus dem ewigen Zyklus der Wiedergeburten befreit und geht ins himmlische Nirwana ein, das höchste Ziel eines jeden Hindu. Hat man sich im Leben durch gute Taten (z.B. strenge Befolgung der Regeln und Gesetze der eigenen Kaste oder Spenden an Arme und karitative Einrichtungen) ein glänzendes Karma erworben, ist der Eintritt ins Nirwana unbedingt erstrebenswert, da einen dort ein ewiges glückliches Leben mit endlosen himmlischen Freuden erwartet. Bei der Verbrennung wird der Mensch wieder in die fünf Elemente zerlegt, aus denen alles besteht. Das Feuer verbrennt den Körper, der Rauch steigt in die Luft auf, was Erde war wird wieder Erde, der Rest kommt ins Wasser und der Geist steigt auf. So kommen jährlich unzählige Menschen nach Varanasi, die ihr Ende nahen fühlen, lassen sich nieder und warten auf den Tod. Trotzdem so viele Menschen zum Sterben hierher kommen, ist es eine äußerst lebendige Stadt. Nach unserer längeren Auszeit von indischen Großstädten für unseren Geschmack etwas zu lebendig, aber das war ja schon im Vorhinein klar.

Als der DDN-BSB-Express, der für die Überwindung der Strecke  zwischen Haridwar und Varanasi, nicht einmal 780 Kilometer, ganze 22 1/2 Stunden brauchte (denn eigentlich standen wir die gesamte Fahrt über unter der gnadenlosen Sonne Uttar Pradeshs in einer Landschaft, die uns an das ländliche Mecklenburg-Vorpommern in einem besonders heißen Spätsommer erinnerte), endlich in Varanasi einfuhr, war es schon lange wieder Abend und wir mussten uns beeilen, noch ein Zimmer zu finden. Aus dem Reiseführer hatten wir uns die "Yogi Lodge" herausgesucht, die eine vielversprechende Bewertung bekam und beinahe direkt am berühmten Manikarnika Ghat platziert war. Gleichzeitig warnte das Buch vor anderen Lodges, die am Erfolg dieses Hotels teilhaben wollten und ihre Unterkünfte kurzerhand "Real Yogi Lodge" oder "New Yogi Lodge" nannten, um einige Touristen fehlzuleiten. Darauf waren wir also vorbereitet und schärften unserem Bicycle Rickshaw Wallah ein, er solle uns ja am richtigen Ort abliefern. Er radelte los und setzte uns vor einem Hotel ab, dessen Schild es eindeutig als "Yogi Lodge" auswies. Wir wurden freundlich empfangen, feilschten ein wenig um den Preis und bezogen ein ziemlich schönes Zimmer. Wie ihr vielleicht schon zwischen den Zeilen lest, hat die Sache einen Haken. Am nächsten Tag irrten wir auf der Suche nach der Ganga mit gezücktem Stadtplan herum und konnten uns ganz und gar nicht orientieren, da sich der Fluss nicht da befand, wo er der Karte nach nun einmal sein sollte. Es kam, wie es kommen musste, wir waren an eine der vielen falschen Yogi Lodges geraten. Wir fühlten uns schlecht. Die drückende Hitze, die sich während unseres Aufenthaltes in der Wüste und in den Bergen heimlich in die Ebenen geschlichen hatte und die sich nun wie eine schwere, wollene Decke auf uns legte, trug ihr übriges zu unserem Elendsein bei. Wir hielten es einige Stunden aus, liefen an den Ghats entlang, gingen im Markt einkaufen und sahen den Goldenen Tempel ("Gentlemen from other religions than Hindu are not allowed to enter into the temple") von Außen, wurden blöd angemacht und flohen in die kühle Dunkelheit unseres Zimmers. Bei der Rückkehr zur Lodge sahen wir auch das winzige "Old" über dem Schild. Nun war uns klar, warum wir ganze 25 Minuten die grausame Basarstrasse heruntergelaufen waren, um die Ganga zu erreichen, denn laut Karte waren wir mitten in der Stadt.

Am nächsten Morgen standen wir um 5.00 Uhr auf und machten uns mit dem Lodgeangestellten Bhai und landsmännischer Verstärkung in Form eines netten Bayern auf den Weg zum Fluss, von wo aus uns ein Boot unter der eben aufgehenden Sonne an den Ghats vorbeischipperte.

Sonnenaufgang ueber der Ganga in Varanasi

Wir beobachteten die Leute, die in den angenehm kühlen Morgenstunden Yoga machten, ein rituelles Bad im Fluss nahmen oder am Ufer Wäsche wuschen. Zu so früher Stunde war die Stadt angenehm ruhig und wir genossen die tolle Aussicht auf die Stadt vom Wasser aus.

 

 Der suedliche Teil von Varanasi

Es gab tausend Bilder, die auf einmal auf uns einstürzten. Alles war neu und fremd und hatte den Hauch von alten Geheimnissen. Wir ruderten bis zum Manikarnika Ghat, wo rund um die Uhr Leichen verbrannt werden. Auf den Stufen des Ghats stapelten sich dicke Holzscheite, die sorgfältig abgewogen werden, damit der Preis für die Verbrennung errechnet werden kann. In goldene Folie eingewickelte Leichname wurden von Kastenlosen auf Bambusbahren herangetragen und zum Verbrennen bereitgelegt. Der Besitzer des Verbrennungsghats ist übrigens der reichste Unberührbare ganz Indiens. Auf den oberen Stufen brannten drei Feuer, die ihr Opfer zu unserem Glück schon unkenntlich gemacht hatten und auch keinen beißenden Gestank nach verbrannten Haaren und Fett verströmten, wie manch einer zu berichten weiß. Es ist moralisch verboten, Fotos von den Verbrennungen zu machen (so sagte man uns). Mittlerweile wissen wir allerdings, dass selbst die Hindus aus höheren Gesellschaftsklassen diesem Grundsatz nicht folgen und zwei Meter vom Feuer entfernt fotografieren, weshalb wir für uns dahingehend ebenfalls keine Veranlassung sahen, da es ja nicht allzu viel mit moralischen Einschränkungen zu tun haben kann.  Allerdings werde ich die Fotos nicht ins Internet stellen, das wäre nun doch zu geschmacklos.


Ein rituelles Bad in der Ganga

Wieder zurück an Land fuhren wir weiter zum Hanuman Tempel, der passenderweise auch noch von Dutzenden Affen bewohnt wird. Bhai schwafelte allerhand unverständliches Zeug über hinduistische Rituale, wir nickten und schauten wissend drein. Danach ging es zu einem modernen Tempel, dessen Wände mit den Worten eines ganzen Buches beschrieben waren, welches die Geschichte von Rama und Kishna erzählte. Der nächste Tempel (Durga Tempel) war komplett mit roter Farbe bemalt. Leider durften wir einmal wieder nicht hinein und konnten nur von Außen schauen. Bhai brachte uns ins muslimische Viertel, wo wir eine Seidenweberei besuchten, in der Kinder am Webstuhl sitzen und arbeiten mussten. Danach durften wir die Produkte dann kaufen. Das aber hatte einen ziemlich faden Beigeschmack, nachdem wir gesehen hatten, wir die feinen Arbeiten ausführt.

Während unserer Erkundungstouren durch die Stadt stellten wir allerdings fest, dass Varanasi zwar ganz nett war, man sich hier aber auf keinen Fall länger als drei bis vier Tage aufhalten konnte. Unsere Weiterfahrt nach Kalkutta war erst für den Abend des 04.04. geplant. Das erschien uns unmöglich (Tageshöchsttemperaturen von 42 Grad, aufdringliche Männer, fehlende Sehenswürdigkeiten), weshalb wir einen Zwischenstop in Bodhgaya im Bundesstaat Bihar planten, wo wir den Baum sehen wollen, unter welchem der Buddha seine Erleuchtung erlangt hat. Heute Nacht bringt uns der Zug dorthin und am 04.04 fahren wir wie geplant weiter nach Kalkutta. Mit dem Unterschied, dass wir noch eine kleine Verschnaufpause haben.

Die restliche Zeit hier verging wie im Flug, wir wanderten durch die Stadt und machten heute Morgen eine weitere Bootstour. Diesmal allerdings hatte sich die Sonne schon ein gutes Stück über dem Horizont erhoben und brannte mit aller Gewalt auf uns herab.



Müde auf dem Boot

Die Stimmung war leider nicht so schön wie bei der ersten Tour. Es mag an der Hitze gelegen haben oder an dem vermehrten Gewusel an den Ghats an diesem sonntäglichen Morgen oder an der Leiche, die auf Höhe der Wäschewaschghats an uns vorbeitrieb. Obwohl sie in Decken eingewickelt war, waren die Formen unverkennbar. Ein toter Mensch. Uns blieb der Mund offen stehen, wir wussten nicht, was wir davon halten sollten. Seit wann werden Tote im Ganzen ins Wasser geworfen? Wir fragten den Bootsfahrer. Der zuckte unbekümmert mit den Schultern und erklärte an seinem Paan vorbei, dass Krankenhäuser mit ihren Toten so verfahren, die keine Angehörigen mehr haben und denen deshalb niemand eine vernünftige Bestattung bezahlt. Kinder werden auch nicht eingeäschert, fügte er hinzu. Indien ist manchmal ziemlich gemein.

 

 Einer der vielen Sadhus am Ufer des Flusses

17:33 - 31.03.2007 - Kommentare {1} - Kommentar hinterlassen

Das Tor zu den Göttern

Gestern war es nun Zeit, Abschied von Rishikesh zu nehmen, wo es uns so gut gefallen hat, dass wir auf jeden Fall in Erwägung ziehen, später einmal dorthin zurückzukehren. Es wurde auch mal wieder Zeit, etwas aktiver zu werden, wozu sich Haridwar sehr viel besser eignet als das allzu entspannte Rishikesh. Wir nahmen wieder ein Tempo und saßen die einstündige Fahrt eingekeilt zwischen den Mitgliedern einer großen indischen Familie, die sich mächtig ausbreitete und die ganze Zeit starrte, bis wir endlich im Zentrum der Stadt in die Freiheit entlassen wurden. Gleich in der Nähe fanden wir ein nettes Hotel mit dem passenden Namen "Midtown", wo wir die einzigen Gäste zu sein schienen und deshalb ein hervorragendes Zimmer mit eigenem Bad, großem Fenster und einem riesigen, weichen Bett zu einem lachhaften Preis bekamen, das obendrein auch noch recht sauber und nett eingerichtet war. Das beste Zimmer, das wir je bewohnt haben.

So nett es auch im Zimmer war, hatten wir doch die Absicht, Haridwar zu erkunden. Es heißt, dass die Stadt genau an dem Punkt erbaut wurde, an welchem sich die Ganga aus dem Himalaya auf die Ebenen ergießt, was sie zu einem der heiligsten Orte für Hindus macht und einen steten Strom von Pilgern anzieht, die ein Bad am berühmten Har-ki-Pauri Ghat nehmen (wo Vishnu einen überdimensionalen Fußabdruck hinterlassen hat) und einige Tempel in der Umgebung besuchen. Die englische Übersetzung von Haridwar bedeutet "Gateway to the Gods", was es zu einem perfekten Ort macht, um Yoga zu studieren oder zu meditieren. In dieser Hinsicht ist Haridwar sehr viel authentischer als das von Touristen aufgeweichte Rishikesh. An beiden Orten gibt es unzählige Ashrams, wobei in Haridwar größtenteils Leute mit der Absicht, länger zu bleiben und ernsthafte Studien zu betreiben, aufgenommen werden, da eine strenge Überwachung der Disziplin bei der Anwesenheit zu den Yogastunden und in Hinsicht des Schweigens innerhalb des Ashrams vorgenommen wird. Die Spass-Yogis wandern deshalb weiter nach Rishikesh, wo man mit seinem Yogi auch mal ein wenig Ganja schmauchen kann (wodurch meiner Meinung nach die meisten von ihnen ihre Erleuchtung erlangen).


Wir wanderten bis zur Gondelbahn, die uns zu einem hoch über der Stadt gelegenen Tempel (dessen Namen ich leider gerade vergessen habe) brachte, wobei uns natürlich Angst und Bange wurde, sind doch die indischen Sicherheitsbedingungen nicht annähernd so streng wie im heimatlichen Deutschland (der größte Teil der Fahrzeuge auf der Strasse würde es bei uns nicht einmal mehr zum TUEV schaffen). Oben angekommen, reihten wir uns in den Strom der Pilger ein und wurden langsam zu den Heiligtümern des Tempels geschoben, konnten nicht nach rechts oder links gehen oder schauen, alles war voller Menschen. Nun ist mir noch immer verschlossen, was es so besonderes in diesem von Außen so unscheinbaren Tempel zu sehen gibt, was aber im Grunde wahrscheinlich auch nicht wichtig gewesen ist. Dabeisein ist alles. Wir genossen noch ein wenig die Aussicht, bis wir von zahlreichen Gaffern umzingelt waren und fuhren mit der Gondel zurück in die Stadt. Vorbei an kleinen Shops, in denen man religiöse Artikel erstehen kann, Gemüseständen und Süßwarenläden schlenderten wir hinunter zu dem Ghats, wo noch vergleichsweise wenig Betrieb herrschte. Es war einfach noch zu früh. Also suchten wir uns unseren Weg über zahlreiche Brücken und Schleusen, welche die Ganga zu den Ghats leiten, zu der monströsen Shivafigur, die wir von oben entdeckt hatten.



Der Shiva vor der Kulisse des Himalaya

Im Garten, der die Statue umgibt, pflanzten dreiste Sadhus Ganja an, daneben spielten Kinder mit ihren Vätern und Mütter bereiteten das Picknick vor.
Weil die Sonne drohte, hinter den Bergen zu verschwinden, machten wir uns auf den Rückweg zum Har-ki-Pauri Ghat, welches in den Abendstunden zum Leben erwacht. Unterhalb der Stufen versanken Götterstatuen im schlammigen Grund des Flusses, die aus der Ferne aussahen, wie grotesk gekleidete und geschminkte Menschen. Zurück am Ghat hatten wir gerade genug Zeit, um uns einen Platz auf der obersten Stufe zu sichern, von wo aus wir einen hervorragenden Überblick auf das Geschehen hatten. Das Ghat füllte sich in Minutenschnelle, Familien badeten Hand in Hand im kalten Wasser des Flusses, Verkäufer boten kleine Boote aus Blättern an, die gefüllt waren mit Blumen, Räucherstäbchen und Öllichtern, und Ordner bemühten sich mit ihren Trillerpfeifen, Ordnung in das heilige Gewusel zu bringen. Als es dunkler wurden, zuendeten die Leute die Lichter auf den Booten an und setzten sie als Opfergabe in den Fluss, von dem sich schnell fortgetragen wurden und in den Strudeln der zusammenfließenden Ströme verschwanden. Die Leute stimmten, angeleitet von den Ordnern, ihre Gebete an und es wurden kleine Kanister mit heiligem Wasser gefüllt (wir haben auch einen, der leider undicht ist und permanent Wasser heraussickern lässt).


Die Pilger in der Abenddämmerung

In der Nacht schliefen wir auf unseren weichen Betten wie zwei Prinzessinnen und erwachten am nächsten Morgen gestärkt für die nächste Tour durch die Stadt, welche uns zu den modernen Tempeln der wohlhabenden Ashrams am Rande der Stadt führte, die wir am Vortag von der Rickshaw aus auf unserem Weg von Rishikesh gesehen hatten. Das Interessante an diesen Tempeln ist nämlich, dass sie einander mit grausamen Fassaden zu übertrumpfen suchen, die einen an die Geisterbahnen auf dem Weihnachtsmarkt erinnern. Der erste Tempel war von Außen noch recht zurückhaltend gestaltet, sein Inneres war allerdings komplett auf bunten Glasscherben, die zu Bildern zusammengefügt waren, die Geschichten aus den Leben unterschiedlicher Götter darstellten, die in den unzähligen Nischen versteckt waren. Eigentlich war es verboten, Fotos aufzunehmen, in einer unbeobachteten Minute brachen wir allerdings dieses Gebot, damit ihr auch etwas davon habt.

Der meditierende und der tanzende Shiva

Danach wurde es allerdings etwas verrückter. Die Fassade eines Tempels war wie ein riesiges graues Gebirge gestaltet, auf welchem diverse merkwürdige Figuren kletterten. Neben Affen und einigen grotesk gestalteten Göttern gab es da auch Damen, die aus großen Krügen Wasser in die geöffneten Rachen von Krokodilen gossen, auf deren Rücken sie standen, und riesige Gesichter mit weit aufgerissenen Augen und Mündern. Im Inneren führte ein schmaler, mit künstlichem Stein ausgekleideter Gang zu diversen Szenen hinter Glas, in denen weitere Szenen aus den Leben von unterschiedlichen Göttern gezeigt wurden, von denen einige sogar animiert waren. Ganga ritt auf ihrem Seeungeheuer herum, die überlebensgroße Kali mit ihrer weit herausgestreckten Zunge wurde von zwei mutigen Soldaten und einem Yogi mit Pfeil und Bogen bedroht und Hanuman beweinte den Tod einer Dame. Echt abgefahren.

 

Ihr denkt, es geht nicht noch kitschiger? Wir sind in Indien!


Naja, es geht noch schlimmer, aber wir wollen ja nicht, das noch einem übel wird.

Wir sahen weitere dieser Tempel, deren Fassaden sich gegenseitig an Geschmacklosigkeit und Groesse übertrumpften und deren Inneres immer unglaublicher wurde, bis uns das bloße Verständnis für das gezeigte fehlte und wir aus Angst vor dem Verlust unseres Verstandes Richtung Innenstadt flüchteten.


Die Wiege des schlechten Geschmacks

Am Abend machten wir uns in der Hoffnung auf einen rechtzeitig eintreffenden Zug früh zum Bahnhof auf, die natürlich mit der Zeit zerstreut wurde, die nach der geplanten Einfahrt verrann. Irgendwann hörten wir dann das verheißungsvolle Tuten, mit dem der DDN-BSB-Express (Dhera Dun-Benares-Express) seine Ankunft im Bahnhof ankündigte. Wir teilten unser Abteil mit vier unglaublich dicken und noch viel unfreundlicheren und ungehobelten Muttis (die nach dem Essen laut rülpsten und die ganze Nacht über lautstark furzten). Eine gute Einleitung für diese grausam lange Reise nach Varanasi.



 

18:22 - 27.03.2007 - Kommentare {0} - Kommentar hinterlassen

Unsere Reise zur Mutter Indiens

Die heiligen Städte an der Ganga stehen für jeden Hindu ganz oben auf dem spirituellen Reiseplan. Ein Bad im heiligsten aller Flüsse wäscht den Menschen von jedem Karma rein, das er in seinem bisherigen Leben durch gute oder schlechte Taten angesammelt hat. Wird nach dem Tod die Asche des Verstorbenen bei Varanasi in die Ganga gestreut, garantiert das den sofortigen Eintritt dieser Person in das ewige Nirvana. Zugegeben, unsere Intention, die Ganga bei Haridwar und Rishikesh zu besuchen, war weniger spiritueller Natur, womit wir uns vermutlich von allen anderen Reisenden unterscheiden. Wir wollten vielmehr raus aus dem lauten Indien der Städte, an einen Ort, an dem man zur Ruhe kommen und Kraft für die kommenden Stationen der Reise schöpfen kann. Und wo geht das wohl besser als zu Füssen des großen Himalaya, an den Ufern der Gange, wo man kaum andere Geräusche hört, als das leise Klingeln der Tempelglöckchen, die monotonen, beruhigenden Gesaenge aus den Ashrams und das Rauschen des Flusses.
Unsere Anreise war allerdings noch indisch hektisch. Erst die Busfahrt von Fathepur Sikri nach Agra am Morgen des 18.03., auf welcher der Fahrer einen riesigen Umweg zu einer Tankstelle machte, obwohl der Sprit zweifellos noch bis zum Idgar Bus Stand, unserem eigentlichen Ziel, gereicht hätte. Da wir die einzigen Fahrtgäste waren und es sich um ein privates Busunternehmen handelte, für welches das Tanken auf dem Weg zum Busbahnhof eine Ersparnis von einigen Litern bedeutete, mussten wir die lange Zeit warten, bis der große Bus endlich betankt war und hätten beinahe unseren Zug nach Haridwar verpasst. Schnell etwas zu Essen gekauft und hinein in den Zug, der auch schon losfuhr. Die zehnstündige Fahrt führte uns nach Haryana, wo sich die Landeshauptstadt Delhi schon lange ankündigte, ehe wir überhaupt die ersten Vororte passierten. Die stinkende Luft war grau, in von Müll gesäumten Tümpeln schwammen träge Wasserbüffel im schwarzen, schlammigen Wasser und wühlten Schweine im Abfall an den Ufern (die Müllabfuhr Indiens). Wir hielten in Nizzamuddin, einem Stadtteil Delhis, und Bettler überschwemmten den Zug. Delhi ist wirklich einer der letzten Orte, die ich auf diesem Planeten besuchen möchte. Irgendwann waren wie raus aus Haryana, wieder in Uttar Pradesh, fuhren ewig durch Reis- und Getreidefelder und kleine Dörfchen, bis wir lange nach Sonnenuntergang endlich in Haridwar einfuhren. Die Suche nach einem Zimmer gestaltete sich als weiteres Hindernis, da einmal wieder gefeiert wurde und tausende Pilger nach Haridwar kamen, um bei der Sonnenfinsternis, von der wir erst erfuhren, als sie schon vorbei waren, ein Bad in der Ganga zu nehmen, was freie Zimmer rar werden und die Preise der verbleibenden explosionsartig steigen ließ. Also nahmen wir das letzte übriggebliebene Zimmer im "Hotel Tourist Villa", einen Raum, der genauso breit war wie das darin stehende Einzelbett und etwa einen halben Meter länger, sodass wir genügend Platz hatten, unsere beiden Rucksäcke unterzubringen. Wir quetschten uns ins Bett und taten kein Auge zu, weil die Bewohner der anderen Zimmer - durchweg Inder - auf dem Flur eine Party steigen ließen, wie es schien. Unser Bad befand sich zwei Stockwerke unter uns im Erdgeschoss, was einen zweimal darüber nachdenken ließ, ob man vor dem Zubettgehen noch einen Schluck Wasser trinken sollte. Weil Haridwar einfach zu teuer war, nahmen wir am nächsten Morgen ein Tempo (eine shared Rickshaw) nach Rishikesh, durch das wir ewig mit den großen Rucksäcken peilten, ehe wir endlich von einem Hotelbesitzer aufgegriffen wurden, der uns zu seiner Rama Lodge im Stadtteil Swarg Ashram brachte. Bei unserem ersten Spaziergang zur Ganga trauten wir uns nur mit den Füssen hinein, da es bedeckt war und ein kühler Wind wehte. In den nächsten Tagen wurde es allerdings wärmer und wir verloren unseren Respekt vor dem kalten, grünen Wasser und stiefelten entschlossen in voller Montur hinein.



Auf diesem Bild tue ich nur entspannt. In Wirklichkeit bin ich fast erfroren.

"Ganga is a Temple" und  "No Bikini" wiesen die Schilder am Ufer die Badenden an. Männer dürfen natürlich in Unterhose ins Wasser, denn es steht ja nirgendwo etwas von "No Shorts" oder etwas ähnliches. Mal abgesehen von dem Respekt, den man der Mutter Indiens entgegenbringen sollte, ist es auch so wenig ratsam, leichtbekleidet in den Fluss zu gehen, denn wie überall lauern Männer, um einen Blick auf ein Stück nacktes Fleisch erhaschen zu können.



Der Weg zum Strand in Laxman Jhula

Etwa vier Kilometer flussaufwärts, vorbei am Stadtteil Laxman Jhula, fanden wir ein Stück weißen Strandes, wo doch einige TouristInnen fast unbekleidet in der Sonne brieten. Die mit indischen Touristen vollgestopften, passierenden Raftingboote wurden regelmäßig näher zum Ufer gelenkt und die Insassen ruderten kräftig gegen den Strom, um ihre Fleischbeschau etwas in die Länge ziehen zu können, ehe der Führer die Anweisung gab, sich nun endlich wieder dem nahenden Wasserstrudel zuzuwenden und alles daran zu setzen, nicht aus dem Boot geschleudert zu werden.



Nach dem Bad trockneten wir in der Sonne und im Wind

Außer dem heiligen Fluss gibt es in Rishikesh natürlich die ersten Ausläufer des Himalaya und einige Tempel wohlhabender Ashrams  zu sehen, die es hier wie von der Welthauptstadt des Yoga nicht anders zu erwarten, wie Sand am Meer gibt. Dementsprechend viele erleuchtete Menschen sind hier zu finden. Die verrücktesten von allen sind die Israelis, von denen es hier nur so wimmelt. Man kann sie am Strand dabei beobachten, wie sie stundenlang mit zum Himmel gerecktem Gesicht am Ufer sitzen, die merkwürdigsten Körpererfahrungsübungen oder Yoga im Sand praktizieren oder sehr laut zur Musik aus ihren Kopfhörern singen. Sehr unterhaltsam. Man trifft diverse Leute, die eigentlich ganz normal aussehen, aber so wirken, als wären sie zufällig in Rishikesh hängen geblieben und irgendwie alternativ geworden. Hüll' ich mich mal in orange Tücher und schau', was mit mir passiert. Und natürlich der obligatorische Haufen Sadhus mit langen Bärten und Dreadlocks, die einem im Vorbeigehen Charas und Ganja anbieten und von denen man immer denkt, sie wären einem schon einmal begegnet, weil sich alle irgendwie ähneln. Die Stimmung ist entspannt, und auch wenn wir unseren Weg in die Erleuchtung nicht gefunden haben, so sind wir doch mehrfach von der Ganga reingewaschen und gut gewappnet für die beiden großen Städte, die uns noch erwarten, nachdem wir Haridwar wieder verlassen.

18:38 - 25.03.2007 - Kommentare {1} - Kommentar hinterlassen

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