Unterwegs in... Nanjing
Verfasst am 31.01.2010 um 05:02 AM Uhr in Unterwegs
Hallo zusammen,
heute Abend bin ich endlich in der richtigen Stimmung, um eine kleine Zusammenfassung meiner letzten Woche in China zu beginnen. Die Anzahl von Fotos, die ich geschossen habe, hat mich erst mal etwas erschlagen (es waren über 700). Ich habe aber die besten herausgesucht und die werden natürlich auch hochgeladen.
Weil ich nicht so einen langen Atem habe werde ich erst einmal nur schreiben, wie es in Nanjing war (16. Und 17. Januar). Außerdem ist so ein ewig langer Reisebericht auch ermüdend für den Leser, vermute ich mal 
Am Freitagabend haben wir uns nochmal mit den anderen getroffen, um Esther zu verabschieden, die Beijing verlässt und im nächsten Semester in Hong Kong studieren wird. Um 10 Uhr abends ging unser Nachtzug von Beijing nach Nanjing. Wir vier – Pia aus Chile, Eduardo aus Kolumbien, Pepe aus Bolivien und ich – haben mit zwei anderen Chinesen in einem Abteil gelegen und auch erstaunlich gut geschlafen. Samstagmorgen sind wir ohne Probleme mit dem Taxi zu unserem Hostel gekommen. Die Betreiberin war eine unheimlich nette Chinesin, die gut Englisch gesprochen hat und uns viele Empfehlungen für die Erkundung der Stadt gegeben hat. Unsere erste Station war das Museum von Nanjing mit dem langen Namen „The Memorial Hall oft he Victims in Nanjing Massacre by Japanese Invaders“. Die meisten, denen ich erzählt habe, dass ich nach Nanjing fahre, meinten, „Hab ich noch nie von gehört“. Dies mal vorausgesetzt, ganz kurz folgende Infos (Wer mehr darüber wissen will: Wikipedia-Artikel): Nanjing war seit Anfang des 20. Jahrhunderts Hauptstadt von China. Im Krieg mit Japan wurde Nanjing 1937 belagert und schließlich erobert. In den darauffolgenden Wochen wurden nach chinesischen Angaben über 300 000 chinesische Zivilisten von japanischen Soldaten misshandelt und getötet. Dieses Massaker beeinflusst bis heute die Beziehung zwischen Chinesen und Japanern und ist wohl ein Grund für die mehr oder weniger ausgeprägte Antipathie, die viele Chinesen gegenüber Japanern hegen.
Das Massaker-Museum war ziemlich harter Tobak für unseren ersten Eindruck von Nanjing. Fotos lügen nicht, könnte man sagen – es wurde keine Gelegenheit ausgelassen, die Grausamkeit dieses Ereignisses bildlich darzustellen, Fotos von abgetrennten Gliedmaßen, Massengräber, japanische Soldaten, die grinsend über ihren Opfern stehen. Alles untermalt von dunkler, unheilschwangerer Musik und gedimmtem Licht, was ich so in einem Museum noch nie erlebt habe. Die Tafeln und Bildunterschriften waren auf Chinesisch, englisch und japanisch – und begannen meistens mit den Worten „The atrocities, comitted by the Japanese Invaders...“. Ich hatte das Gefühl, dass das ganze zwar auch Trauer ausdrücken sollte, aber zu gleichen Teilen Hass. Ich bin mit sehr gemischten Gefühlen aus diesem Museum gegangen – einerseits sind da die historischen Tatsachen, das Massaker ist passiert, diese grauenvollen Morde wurden von japanischen Soldaten begangen. Und auf der anderen Seite ist da die Aufarbeitung durch die Chinesen, bei der ich mich frage, inwieweit hier nicht auch politische Propaganda gegen Japan betrieben wird. Ich kenne mich mit den politischen Hintergründen und den Beziehungen zwischen Japan und China nicht genug aus, um darüber ein Urteil fällen zu können. Doch die Erinnerung an diesen Museumsbesuch löst bei mir auch jetzt noch einen inneren Widerstand aus – einerseits Trauer um die Opfer, andererseits Abwehr gegen die Art der Darstellung. Im Museum selbst konnte ich nur einige Fotos machen – unter anderem eines von einer Auszeichnung, die einem deutschen Offizier von Adolf Hitler verliehen wurde. Dafür, dass er den Chinesen in Nanjing geholfen hat. Hatte einen extrem fahlen Beigeschmack für mich, zumal ich den Brief auch noch für die anderen übersetzen sollte. Nazi-Deutschland als Freund und Helfer der Chinesen? Selbst wenn es so war, bin ich mir nach wie vor nicht sicher, aber es nicht vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und des Holocausts ein Unding ist, das so hervorzuheben und sogar Flaggen mit Hakenkreuzen auszustellen (auch davon habe ich Fotos, werd sie aber nicht hochladen).
Die Fotos, die ich hochgeladen habe, sind vor dem Museum entstanden – und geben schon einen ganz guten Eindruck davon, wie es drinnen ausgesehen hat.
Nach diesem Erlebnis sind wird erst mal wieder ins Hostel gefahren, haben uns etwas erholt und am Abend die Innenstadt von Nanjing erkundet. Eine chinesische Großstadt bei Nacht ist beeindruckend – alles ist durch Lampions und Lichterketten beleuchtet gewesen. Wir haben uns dann zu einer relativ teueren Bootsfahrt auf dem Kanal hinreißen lassen und uns später am Abend mit drei Chinesen, die wir im Zug kennengelernt hatten, im Barviertel getroffen. Nach einigem hin und her haben wir eine Kneipe mit Livemusik gefunden dort einen lustigen Abend verbracht.
Am nächsten Tag haben wir den Xuanwu See und eine der Pagoden von Nanjing besucht. Über den Tag verteilt habe ich eine erstaunliche Anzahl an interessanten Schildern entdeckt – ich weiß nicht, ob es Zufall war oder ob ich inzwischen gezielt danach suche... Hier zwei Beispiele:

In der U-Bahn

Im Park
Auch an diesem Tag ist mir wieder etwas sauer aufgestoßen: Die Vogelflug-Voliere auf einer der Inseln des Xuanwu Sees. Ich hatte viele Jahre Wellensittiche als Haustiere und habe allgemein eine Vorliebe für diese Tiere. Die Voliere, in der zur Belustigung der Besucher eine große Anzahl unterschiedlicher Vogelarten, vor allem Seevögel, herumgeflogen sind, war eigentlich viel zu klein und auch nicht gerade sauber. Am Eingang wurde Vogelfutter verkauft, dass offensichtlich nicht für jede Vogelart bekömmlich sein kann. Die Besucher konnten Fische kaufen und die Seevögel damit füttern, die in einem winzigen brackigen Teich gesessen und auf die Fütterung gewartet haben. Einige Tiere waren offensichtlich krank oder geschwächt... Alles in allem kein Vorbild für artgerechte Tierhaltung. Einerseits habe ich mich geärgert, das unterstützt zu haben – aber wie das so ist, anschauen wollte ich es mir trotzdem.
Nachdem wir das Seegebiet durchwandert hatten, haben wir uns noch einen der vielen indischen Tempel angeschaut, die es im Stadtgebiet von Nanjing gibt. Dort hatte ich ein lustiges Erlebnis: Am Eingang hat jeder von uns eine Hand voll Räucherstäbchen bekommen. Gerade, als ich mich gefragt habe, wie ich die am besten anzünde, ist ein alter Chinese, um die achtzig Jahre, auf mich zugekommen und fragt mich, ob er das für mich machen soll – aber gern. „Woher kommst du?“ – „Ich komme aus Deutschland.“ – „Ahh – Karl Marx!“
Am Sonntagabend sind wir um 8 Uhr abends in den Zug von Nanjing nach Suzhou gestiegen – die Karten dafür haben wir uns am selben Tag gekauft. Das Hostel für Suzhou hat uns die nette Chinesin aus dem Hostel in Nanjing organisiert. Das hat nämlich ein Bekannter von ihr betrieben... Aber wie es dort war, schreibe ich ein anderes Mal 
Die Fotos von Nanjing habe ich wie immer im Fotoalbum hochgeladen.

P.S.: Morgen Nachmittag werde ich das Zimmer meiner Freundin beziehen, wo ich ja einen Monat bleibe. Ich denke, dass ich mich dort ganz wohl fühlen werde... Heute war ich dort, um mich von ihr zu verabschieden. Gegen sieben Uhr abends bin ich gegangen. Im Erdgeschoss kommen mir zwei andere Bewohner des Hauses entgegen – und der eine grüßt mich laut und deutlich mit „Guten Morgen!“
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