Ich sehe was, was du nicht siehst
Verfasst am 16.07.2010 um 11:22 PM Uhr in Unterwegs

Gestern Morgen bin ich also frisch und munter zur Bootsfahrt auf den Li Fluss aufgebrochen. Außer mir gab es nur einen anderen Ausländer, auch ein Deutscher, wie ich später festgestellt habe. Wenn man den Fluss hinunterfährt, kann man besonders gut die vielen bizarren Steinformationen bewundern. Einige von diesen Hügeln haben sehr kreative Namen verpasst bekommen – ich weiß nicht, ob das einfach eine Tradition der Einheimischen ist oder den Touristen zuliebe gemacht wurde. Mein Favorit ist der „lao ren shou ping guo“-Berg. Das bedeutet, „ein alter Mann beobachtet einen Apfel“. Dann gäbe es da noch den Hühnerkäfig-Hügel, die „Schildkröte, die einen Berg erklimmt“ und das „Kamel, das den Fluss überquert“. Um ehrlich zu sein, habe ich keinen von diesen Bergen anhand des Namens erkannt – entweder habe ich zu wenig Fantasie oder die Chinesen zu viel.

Dies sind nicht irgendwelche Berge - das Panorama ist auf der Rückseite des 20-Yuan-Scheins abgebildet

Auf den Bambusbooten, auf denen wir den Fluss befahren haben, war für jeweils vier Personen Platz. Ich saß mit einer chinesischen Familie zusammen, eine Mutter, ihre Tochter und der Neffe. Das Mädchen hat den schönen Namen Yulin, was „Regenwald“ bedeutet, und ist 18 Jahre alt. Wir haben uns sofort ganz gut verstanden, und da ihr Englisch tatsächlich noch schlechter ist als mein Chinesisch (oder sie das zumindest geglaubt hat) haben wir uns überwiegend auf Chinesisch unterhalten, gut für mich.

Irgendwann habe ich ein paar Worte mit dem anderen Ausländer gewechselt, um festzustellen, dass er auch Deutscher ist. Seine ersten Worte waren, „Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so scheiße ist“. Er meinte damit, dass es so viele Boote und Menschen auf dem Fluss gibt. Ich denke, er hat sich Yangshuo viel abgeschiedener und weniger touristisch vorgestellt. Als er mir aber erzählt hat, dass er nur ein paar Tage in China ist und kein Wort Chinesisch spricht… Da habe ich ihn gefragt, wie er denn gedachte, in den „nicht touristischen“, abgelegenen Gebieten zurechtzukommen. Auf den Einwand wusste er auch nicht so direkt etwas zu sagen.

Ich habe mich am Ende der Tour mit dem chinesischen Geschwisterpaar für den Nachmittag verabredet. Die beiden wollten eine Tropfsteinhöhle sehen, also bin ich mitgegangen – obwohl ich mir schon vorstellen konnte, dass es wieder eine totale Massenveranstaltung werden würde. Aber, allein reisen schön und gut, doch ich habe auch gern Gesellschaft, wenn ich etwas unternehme.

Wir haben uns mit dutzenden von Leuten zusammen durch die Höhle gequetscht, aber man muss sagen, dass es auch eine sehr beeindruckende Tropfsteinhöhle gewesen ist. Nicht, dass ich schon so viele Tropfsteinhöhlen gesehen hätte, das war die zweite… Einige Formationen hatten wieder lustige (oder bedeutungsvolle) Namen – so wie zum Beispiel „der Buddha, der gerade eine Lektion gibt“.

Dieses Gebilde heißt "Chinesische Mauer" - finde ich einleuchtend

Um fünf Uhr waren wir wieder in Yangshuo. Die beiden sind zu ihrem Hotel gegangen und ich an den Fluss, um noch eine halbe Stunde draußen zu sitzen, bevor ich ins Hostel zurückgehe und mich endlich mal ausruhe. Zufällig bin ich dann aber mit einem chinesischen Mädchen ins Gespräch gekommen, die in meiner Nähe am Wasser saß. Kurz danach hat sich noch ein anderes chinesisches Mädchen dazugesetzt, weil sie unsere Unterhaltung gehört hat. So hatten wir alle etwas davon: Ich hatte Gesellschaft und die beiden Chinesinnen jemanden, mit dem sie Englisch sprechen konnten.



[2] Kommentare

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Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell du dort Bekanntschaften mit "fremden" Leuten machst.
Wie einfach das geht. Man quatscht und schon hat man eine Reisegruppe gefunden ^^

Hier wäre das fast unvorstellbar.
Wenn hier ein Chinese ganz alleine auf einem Rheindampfer sitzt, dann würde er dort auch alleine sitzen bleiben. Keiner käme auf die Idee den anzuquatschen um ihn hinterher noch auf eine neue Tour einzuladen.

Schade! Deshalb finde ich es immer so toll, wenn du gleich akzeptiert wirst.
Das du dann auch noch ihre Sprache sprichst, macht die Sache nur umso leichter.

Schöne Bilder übrigens. Ich finde es ja immer etwas komisch, wenn man aus einer Tropfsteinhöhle so ein buntes Ding macht, aber es sieht trotzdem sehr schön aus.

Liebe Grüsse,

Jessi

~ Geschrieben von Sui am 16.07.2010 um 11:54 PM Uhr


Liebe Jessi,
es hat alles zwei Seiten: Ich bin hier ein Exot, obwohl bzw. gerade weil ich die Sprache ein bisschen spreche. Das macht die Leute neugierig und auf Reisen ist das manchmal ein echter Vorteil für mich - die Bekanntschaften ergeben sich mehr oder weniger von selbst.

Aber richtige Freunde zu finden ist hier auch nicht einfacher als anderswo. Für mich dann sogar noch schwieriger, weil ich automatisch denke: Redet der/die jetzt nur gern mit mir, weil ich ne blonde Ausländerin bin? Trotzdem habe ich auch den Eindruck, dass die Chinesen irgendwie geselliger sind als z.B. die Deutschen. Man sieht überall Grüppchen und Gruppen auf der Straße sitzen, die palavern, Karten spielen usw. - in jeder Altersgruppe.

Mir ist dieser Höhlenjahrmarkt eigentlich auch zu viel, aber für die Chinesen gibt es nur zwei Wege: Beleuchtung in allen Farben des Regenbogens oder gar keine *g*

~ Geschrieben von Mieke85 am 17.07.2010 um 09:34 AM Uhr








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