Einleitung
9.03.2008
Was passiert in Deutschland eigentlich mit Kindern, deren Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist? Mit dieser Thematik beschäftigt sich dieser Weblog:

Intersexualität


Statistisch gesehen kommen in Deutschland rund 335 Kinder pro Jahr mit nicht sofort bestimmbaren Geschlecht zur Welt.[1] Früher wurden Menschen mit zwei Geschlechtern 'Hermaphroditen' oder im Volksmund auch 'Zwitter' genannt, heute spricht man in der Fachwelt von Intersexualität oder auch DSD (Disorder of Sexual Development).

Die Ursachen für dieses Phänomen sind vielfältig. (siehe Formen von Intersexualität)
Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts wurden intersexuelle Menschen nur auf eigenen Wunsch im Erwachsenenalter hormonell oder auch chirurgisch behandelt werden. Ab den 60er Jahren setzte sich dann eine neue Behandlungsmethode durch. Man nahm an, dass intersexuelle Menschen sexualpsychologisch neutral seien und allein das biologische Äußere und die Erziehung Kinder zu Jungen oder Mädchen mache. Demnach fing man an, die betroffenen Kinder so früh wie möglich mit Skalpell und Hormontherapie an das eine oder andere Geschlecht anzupassen. (mehr Informationen hier)
Für Aufmerksamkeit sorgte vor allem der Fall David Reimer, der von Dr. John Money als kleiner Junge chirurgisch und hormonell in ein Mädchen verwandelt wurde. (siehe hier)
Seit ein paar Jahren findet in der Fachwelt, unter den Medizinern und Psychologen ein Umdenken statt. Auf Druck von Betroffenen in verschiedenen Organisationen (Bsp. www.isna.org) ist man nun dabei von vorzeitigen Geschlechtszuweisungen abzusehen bis die davon Betroffenen sich selbst über Wünsche äußern können. Im Gegensatz zu früher, ist man nun der Meinung, dass der Sinn, ob ein Mensch männlich oder weiblich ist, angeboren und unveränderlich ist, trotz Chirurgie und Erziehung.[2]

Das Leid, das Menschen mit verfrühten Operationen angetan werden kann, ist groß. Die Bundesrepublik kennt rechtlich keine Regelungen. Innerhalb eines Monats müssen die Behörden (siehe Personenstandsgesetz) das Geschlecht des Neugeborenen in das Geburtenbuch eintragen. Als Kategorien stehen nur männlich oder weiblich zur Verfügung. Ein drittes Geschlecht oder eine Art Übergangsgeschlecht gibt es nicht. Der Menschenrechtler Michel Reiter kämpft seit Jahren für eine Erweiterung der Geschlechtskategorien in Deutschland. (mehr)
Besonders verheerend verhält es sich in Deutschland, dass es keine juristischen Regelungen zur Änderung des Geschlechts bei intersexuellen Menschen gibt. Wurde ihnen das falsche Geschlecht von den Ärzten zugewiesen, so können sie nur schwer ihr eigentliches Geschlecht zurückgewinnen. Die deutschen Behörden stufen sie dann als Transsexuell ein, so dass eine Geschlechtsumwandlung nur nach den Auflagen des Transsexuellengesetzes möglich ist. Dieses schreibt aber unter anderem den Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit vor. (siehe auch Christiane Völling)

Deutschland muss in Bezug auf die Thematik der Intersexualität unbedingt Änderungen herbeiführen. Die ersten Schritte wurden schon mit der Formierung einer Arbeitsgruppe, die sich speziell mit DSD beschäftigt, gemacht. Forscher, Organisationen und Betroffene arbeiten hier zusammen, um eine bessere medizinische und rechtliche Behandlung von intersexuellen Kindern zu ermöglichen. Die Ergebnisse werden in ein paar Monaten veröffentlicht werden. Vorab wurden aber schon die Empfehlungen der Arbeitsgruppe veröffentlicht. (hier)

Dieser Weblog soll nicht nur als Informationsportal dienen, sondern ebenfalls eine Austauschbasis vieler Meinungen, Anregungen und Zusatzinformationen sein. Zögern Sie also nicht Beiträge zu kommentieren. Bei weiteren Fragen kontaktieren Sie mich unter: [email protected]

Liebe Grüße,

Monika Herold


 

 



[1] Statistisches Bundesamt. Geburten in Deutschland. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2007. [online verfügbar unter: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/ DE/Content/Publikationen/Fachveroeffentlichungen/Bevoelkerung/BroschuereGeburten
Deutschland,property=file.pdf
] Stand: 08.03.2008

[2] Lakotta, Beate. Ihre Tochter ist ein Sohn. Erschienen im: Der Spiegel. Nr. 45. 2002. [online verfügbar unter: http://www.free-blog.in/uploads/m/monikaherold/61844.pdf] Stand: 08.03.2008

 

Geschrieben von Inom um 22:16 | in:
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Formen der Intersexualität
9.03.2008
Formen der Intersexualität

Aus medizinischer Sicht heraus wird Intersexualität vor allem als Störung in der Sexualentwicklung betrachtet. Für Ärzte steht in erster Linie die Diagnose des Syndroms im Vordergrund, um die zukünftige Entwicklung der Physiologie und der Geschlechtsidentität vorraussagen zu können. Viele Betroffene übernehmen zwar die medizinischen Kategorisierungen und medizinischen Beschreibungen als gegeben, lehnen jedoch die Klassifizierung als "Störung" oder "Krankheit" ab. [4]

Nicht alle diese Formen weisen unbedingt äußerlich zu erkennende, uneindeutige Geschlechtsmerkmale auf. Eine große Zahl intersexueller Phänomene können phänomenologisch ganz unauffällig sein. Brisant sind jene Fälle, in denen Neugeborene uneindeutige Genitalien aufweisen. Diese werden dann "psychologische Notfälle" klassifiziert, in denen ein schnelles Handeln erforderlich ist. Oftmals enden sie in chirurgischen Eingriffen, mit Hilfe derer ein eindeutiges Geschlecht, anhand verschiedener Kritieren, zugewiesen wird. (siehe Behandlungspraxis)


Hier werden nun die häufigsten Former der Intersexualität vorgestellt:

1. Adrenogenitales Syndrom (AGS)

2. Androgrenresistenz (AIS)

3. Gonadendysgenesien

4. Hermaphroditismus versus




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(4) vgl. Lang, Claudia. Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Campus Verlag. Frankfurt. 2006. S. 89
Geschrieben von Inom um 18:05 | in: Medizinisches
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Rechtssprechung in Deutschland
9.03.2008
Rechtssprechung in Deutschland

Im Gegensatz zu früheren Zeiten (Allgemeines Preußisches Landrecht von 1794 1794 oder Kreittmayrs Bayrischer Codex maximilianeus Civilis von 1756) befinden sich intersexuelle Menschen in Deutschland in einer juristischen Zwischenzone.
Das Personenstandsgesetz sieht Kategorien wie "intersexuell", "hermaphrodit" oder "Menschen mit einem uneindeutigen
Geschlecht" nicht vor, sondern erkennt nur die zwei Geschlechterkategorien weiblich und männlich. (15)

Elisabeth Holzleithner schreibt dazu:

"Der rechtlich-medizinische Umgang mit uneindeutigen Genitalien ist vom Streben nach Standardisierung geprägt. Intakte, aber uneindeutige Genitalien (etwa: eine zu große Klitoris oder ein zu kleiner Penis) werden seit den sechziger Jahren chirurgisch modifiziert, damit das kulturelle Geschlecht seinen genitalen Niederschlag finden kann." (16)

Und in der Tat, lange Zeit und auch noch heute, sieht die übliche Behandlungspraxis für Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen vor, sich so früh wie möglich für eines der beiden Geschlechter zu entscheiden und dann chirurgisch das jeweilige, ausgesuchte Geschlecht herzustellen.(siehe Behandlungspraxis)

Damit einher gingen und gehen lebenslange Hormonbehandlungen, weitere Operationen und ständige genitale Untersuchungen, die weitere Traumata auslösen können. Den betroffenen Kindern wurde meistens aus Scham nichts von den frühen chirurgischen Eingriffen erzählt. Viele Menschen wurden durch diese Behandlungspraxis in ein für sie falsches Geschlecht gezwungen.
Das deutsche Rechtssystem erkennt solche „Irrtümer“ jedoch nicht an, so dass eine Korrektur dieser frühen Fehlentscheidung meist nur über das Transsexuellengesetz und nicht über das Personenstandsgesetz geschehen kann. Das Transsexuellengesetz erkennt jedoch den Wechsel des Geschlechts nur an, wenn der Antragsteller/in auf Dauer fortpflanzungsunfähig wird, sich einen operativen Eingriff unterzieht und ein oder mehrere psychologische Gutachten vorweist, die erst nach zweijähriger psychotherapeutischen Behandlung erstellt werden können, was unter anderem auch mit einem z.T. enormen Kostenaufwand für die Antragsteller verbunden ist.

Dieser Zustand der unzureichenden Regelung "ist umso erstaunlicher, da die medizinischen Unsicherheiten bezüglich der Geschlechtszuschreibung in manchen Fällen sehr groß sind und der Geschlechtswechsel bei intersexuellen Menschen häufiger als bei körperlich eindeutigen Männern und Frauen vorkommt"(17) schreibt Claudia Lang in ihrer Dissertation über Intersexualität.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Bundesregierung in nächster Zeit rechtlich mit dieser Thematik auseinandersetzt und neue, gerechte Regelungen findet. Die jetzigen Gesetze sind absolut unzureichend und menschenrechtsverletztend wie der aktuelle Fall von Christiane Völling eindrucksvoll zeigt.


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(15) vgl. Lang, Claudia. Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Campus Verlag. Frankfurt. 2006. S. 130-135

(16) Holzleithner, Elisabeth. Variation als Abweichung. Zur medizinischen und juristischen Herstellung des Geschlechts von Intersexuellen. Wien. Online-Publikation: http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.holzleithner/HolzleithnerVariation.pdf] Stand: 04.03.2005

(17) Lang, Claudia. Intersexualität. S. 131
Geschrieben von Inom um 13:12 | in: Rechtssprechung
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Bibliographie
9.03.2008

Bibiographie

 
Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität «Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung». Ethische Grundsätze und Empfehlungen zum therapeutischen Umgang mit Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung (DSD) / Intersexualität bei Kindern und Jugendlichen. Netzwerk-IS / AG 2: Grundsätze & Empfehlungen, Göttingen im Mai 2006. S.4-5 [online verfügbar: http://www.free-blog.in/uploads/m/monikaherold/61803.pdf]

 
Briffa, Tony.
Intersex surgery disregards children's human rights. Erschienen in: Nature. Nr. 428, Ausgabe 6984.  

 

Forschergruppe Intersexualität. Intersex-Glossar. Adrenogenitales Syndrom. Erschienen auf der Internetseite der Forschergruppe Intersexualität. URL: http://www.intersex-forschung.de/glossar.html Stand: 05.03.2008

 

Holzleithner, Elisabeth. Variation als Abweichung. Zur medizinischen und juristischen Herstellung des Geschlechts von Intersexuellen. 20.07.2004. [online verfügbar: http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.holzleithner/HolzleithnerVariation.pdf] Stand: 08.03.2008

 Karkazis, Katrina A.. Early Genital Surgery to Remain Controversial. Erschienen in: Pediatrics, Nr. 118, Ausgabe 2. August 2006.

Lakotta, Beate. Ihre Tochter ist ein Sohn. Erschienen in: Der Spiegel. Nr. 45/2002. [online verfügbar: http://www.free-blog.in/uploads/m/monikaherold/61797.pdf] Stand: 08.03.2008

Lang, Claudia. Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Campus Verlag. Frankfurt. 2006.

Melby, Todd. Intersex Interrupted. Erschienen in: Contemporary Sexuality. Nr. 36/2002.

N.N. Docs agree on how to treat intersex patients. Erschienen in: Contemporary Sexuality. Nr. 11, Ausgabe 40. November 2006.

N.N. Interview: Plädoyer für ein drittes Geschlecht. Erschienen in: Geo Wissen. Nr. 26/2000. [online verfügbar: http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/738.html] Stand:28.02.2008

N.N. Wenn der kleine Unterschied fehlt. Erschienen in: Geo Wissen. Nr. 26/2000. [online verfügbar: http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/741.html] Stand: 03.03.2008

N.N. Des Zwitters Sieg. Erschienen in: Stern Online vom 06.02.2008. [online verfügbar: http://www.stern.de/politik/deutschland/610106.html?q=intersexuell] Stand: 08.03.2008

Nungeßer, Karin. Ambivalente Argumente. Intersexualität. Das Für und Wider eines operativen Eingriffs bei Intersexualität ist schwer abzuwägen. Erschienen in: Freitag 44. 25.10.2002

Sax, Leonard. How Common is Intersex? A Response to Anne Fausto-Sterling. Erschienen in: Journal of Sex Research, Nr. 39, Ausgabe 3, August 2002.

Statistisches Bundesamt. Geburten in Deutschland. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2007. [online verfügbar unter: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/ Internet/DE/Content/Publikationen/Fachveroeffentlichungen/Bevoelkerung/BroschuereGeburten Deutschland,property=file.pdf] Stand: 08.03.2008

Wiesemann, Claudia.  Claudia Lang (2006) Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Erschienen in: Ethik Med 2007. Online publiziert: 3. September 2007. Springer Medizin Verlag GmbH 2007.

Zucker, Kenneth J.. Evaluations of Sex- and Gender-Assignment Decisions in Patients with Physical Intersex Conditions: A Methodological and Statistical Note. Erschienen in: Journal of Sex & Marital Therapy. Nr. 28, Ausgabe 3. Mai 2002. S. 269-274.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschrieben von Inom um 11:44 | in: Bibliographie
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Michel Reiter
9.03.2008


Michel Reiter - Menschenrechtler und Betroffener. Seit Jahren kämpft Reiter für die Anerkennung einer dritten Geschlechterkategorie in Deutschland.

„Die Welt ist so strikt heterosexuell organisiert, dass man sich immer entscheiden muss: ob man aufs Klo will, in den Frauenbuchladen, ein Bankkonto eröffnen oder ein Behördenformular ausfüllen. Entweder ist man Mann oder Frau. Und wenn man sich nicht entscheidet entscheiden andere für einen.”

Michel Reiter im Interview
mehr über Michel Reiter

Geschrieben von Inom um 10:58 | in: Personen
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